Wer auf Rügen Urlaub macht, blickt oft von der Westküste hinüber auf den schmalen Landstrich, der sich wie ein Wellenbrecher in die Ostsee legt. Die Insel Hiddensee misst gerade einmal 19 Quadratkilometer und entschleunigt dich ab der ersten Minute. Der Grund dafür ist simpel: Es gibt keine privaten Autos. Sobald du in Schaprode auf Rügen die Fähre verlässt und in Vitte oder Kloster von Bord gehst, empfängt dich eine ungewohnte Akustik. Statt Motorenlärm hörst du das Klappern von Pferdehufen, Fahrradklingeln und den Wind.
Hiddensee ist kein Ort, den man schnell abhakt. Die Wege zwischen den Inselorten Neuendorf im Süden, Vitte in der Mitte und Kloster im Norden legst du zu Fuß oder mit dem Leihrad zurück. Entlang dieser Routen verbirgt sich eine überraschend dichte Kultur- und Naturgeschichte. Wenn du dich auf das Tempo der Insel einlässt, findest du hier Gebäude und Institutionen, die das raue Leben der Fischer und die Epoche der Künstlerkolonien dokumentieren.
Der Aufstieg im Norden: Leuchtturm Dornbusch
Das markanteste Bauwerk der Insel steht auf der höchsten Erhebung im Norden. Die Landschaft Dornbusch ist hügelig, oft windgepeitscht und bildet einen klaren Kontrast zum flachen Süden. Der Leuchtturm Dornbusch, 1888 in Betrieb genommen, sichert bis heute die Fahrrinne vor der Küste. Seine rein weiße Farbe mit dem roten Dach erhielt er übrigens erst 1995; vorher war der Turm lange Zeit ziegelfarben oder grau verputzt.
Die 28 Meter Höhe klingen machbar, doch der Aufstieg hat es in sich: 102 Gusseisen-Stufen führen in einer engen Spirale nach oben. Oben angekommen, stehst du auf einer schmalen Galerie und blickst über die gesamte Inselstruktur bis hinüber nach Rügen und bei klarem Wetter bis zur dänischen Insel Møn.
Ehrliche Einschätzung: Aus Brandschutz- und Platzgründen dürfen sich maximal 15 Personen gleichzeitig im Turm aufhalten. Im Hochsommer bedeutet das unweigerlich Wartezeiten vor dem Eingang. Plane diesen Aufstieg am besten direkt am frühen Vormittag ein, bevor die großen Tagesausflügler-Fähren anlegen.
Zwischen Ziegeln und Rosen: Die Inselkirche in Kloster
Wenn du vom Dornbusch wieder hinab in den Ort Kloster fährst, passierst du den historischen Kern der Insel. Die Inselkirche ist das letzte noch sichtbare Überbleibsel eines Zisterzienserklosters, das hier im 14. Jahrhundert existierte und der Ortschaft ihren Namen gab. Das gedrungene Backsteingebäude fügt sich unauffällig in die Landschaft ein, doch das Innerste überrascht: Die hölzerne Tonnendecke ist über und über mit einem blauen Himmel und roten Rosen bemalt – der sogenannten Hiddenseer Rosenmalerei, die 1922 hinzugefügt wurde.
Direkt an die Kirche schließt sich der Inselfriedhof an. Er ist ein stiller Ort unter alten Bäumen und die letzte Ruhestätte zahlreicher Künstler, die Hiddensee zu ihrer Wahlheimat machten. Das bekannteste Grab gehört dem Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, der hier 1946 in einem schlichten Grab beigesetzt wurde.
Wo der Nobelpreisträger schrieb: Das Haus Seedorn
Nur wenige Gehminuten vom Friedhof entfernt steht das ehemalige Sommerhaus von Gerhart Hauptmann. Der Schriftsteller kaufte das Anwesen „Haus Seedorn“ im Jahr 1930 und verbrachte hier viele Monate fernab des Berliner Trubels. Heute ist das Haus ein authentisches Literaturmuseum.
Das Besondere an diesem Museum ist sein Erhaltungszustand. Du gehst durch Räume, die exakt so belassen wurden, wie Hauptmann sie nutzte. Sein Arbeitszimmer mit dem großen Schreibtisch, die Bibliothek und der Weinkeller zeugen von einem bürgerlichen, sehr kultivierten Leben auf der damals noch sehr kargen Insel. Um die Wartezeiten zu reduzieren, lohnt es sich, Tickets für das Gerhart-Hauptmann-Haus direkt auf der offiziellen Webseite des Museums zu buchen.
Fossilien und Goldschmuck: Das Heimatmuseum
Wer die Lebensrealität der einheimischen Fischer vor dem Einzug des Tourismus verstehen will, besucht das Heimatmuseum in Kloster. Das Gebäude selbst ist eine umgebaute alte Seenotrettungsstation. Vor der Tür liegt unübersehbar ein gewaltiger, historischer Schiffsanker.
Im Inneren dokumentiert die Ausstellung den harten Alltag: Fischfang, Reetdachdeckerei und die ständige Bedrohung durch Sturmfluten. Das faszinierendste Exponat ist jedoch die Kopie des Hiddenseer Goldschmucks. Das Original, ein über 600 Gramm schwerer Goldschatz aus der späten Wikingerzeit, wurde Ende des 19. Jahrhunderts nach schweren Sturmfluten am Strand freigespült. Es gilt bis heute als eines der bedeutendsten archäologischen Zeugnisse der Region.
Ein Farbtupfer im Reet: Die Blaue Scheune in Vitte
Wenn du dich auf den Weg nach Vitte machst, dem zentralen und bevölkerungsreichsten Ort der Insel, fällt dir ein Gebäude sofort ins Auge. Zwischen den weißen und steinfarbenen Häusern steht ein flacher Bau mit Reetdach, der in einem kräftigen Ultramarinblau gestrichen ist. Die Blaue Scheune stammt ursprünglich aus dem 19. Jahrhundert und vereinte Wohnhaus, Backstube und Scheune unter einem Dach.
In den 1920er Jahren kaufte die Malerin Henni Lehmann das Haus, gab ihm den markanten blauen Anstrich und machte es zum Treffpunkt des „Hiddenseer Künstlerinnenbundes“. Heute befindet sich das Gebäude im Privatbesitz der Künstlerfamilie des Malers Günter Fink. Die darin untergebrachte Galerie ist in den Sommermonaten meist nur an zwei Nachmittagen pro Woche für wenige Stunden geöffnet. Selbst wenn die Türen geschlossen sind, bleibt die Fassade eines der am meisten fotografierten Motive der gesamten Ostseeküste.
Die Anreise: Taktung und Organisation
Da Hiddensee keinen eigenen Autoverkehr erlaubt, musst du dein Fahrzeug auf Rügen lassen. Der wichtigste Knotenpunkt für die Überfahrt ist der Hafen in Schaprode. Dort stehen große, kostenpflichtige Parkplätze am Ortseingang zur Verfügung (plane von dort etwa zehn Minuten Fußweg zum Anleger ein). Die Überfahrt nach Vitte oder Kloster dauert rund 45 Minuten. Den genauen Fahrplan und aktuelle Ticketpreise der Personenfähren und Wassertaxis findest du auf der Seite der Reederei Hiddensee. In der Hochsaison pendeln die Schiffe im Stundentakt, im Winterhalbjahr wird der Fahrplan stark ausgedünnt.
Hiddensee ist der perfekte Kontrast zu den belebten Seebädern der Ostküste. Wer die autofreie Insel besucht, startet seine Reise fast immer im beschaulichen Inselwesten Rügens. Erfahre mehr über den Startpunkt und die Region:
Praktische Fragen zum Hiddensee-Besuch
Wie bewege ich mich auf Hiddensee fort?
Auf Hiddensee legst du alle Wege entweder zu Fuß, mit dem eigenen oder geliehenen Fahrrad oder per Pferdekutsche zurück. Direkt an den Häfen in Vitte, Kloster und Neuendorf gibt es zahlreiche Fahrradverleiher, die Räder für Tagesgäste anbieten. Ein kleiner Inselbus (Elektroantrieb) verkehrt zwar zwischen den Orten, ist jedoch primär für mobilitätseingeschränkte Personen oder den Transport von Schulkindern gedacht und hat sehr geringe Kapazitäten.
Reicht ein Tagesausflug, um alle Sehenswürdigkeiten zu sehen?
Ja, die wichtigsten Stationen wie der Leuchtturm Dornbusch, die Inselkirche und das Heimatmuseum lassen sich an einem gut organisierten Tag erkunden, wenn du morgens eine der ersten Fähren ab Schaprode nimmst. Da die Wege zu Fuß jedoch Zeit in Anspruch nehmen, empfiehlt es sich für einen kompakten Tagesausflug, direkt am Hafen ein Fahrrad zu mieten, um zwischen Kloster und Vitte flexibel zu wechseln.
Dürfen Hunde mit auf die Insel Hiddensee?
Hunde dürfen auf den Personenfähren mit auf die Insel genommen werden, für sie muss jedoch ein separates Fährticket gelöst werden. Da Hiddensee größtenteils zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft gehört, gilt auf der gesamten Insel, an den Stränden und in den Ortschaften eine strikte Leinenpflicht, um die heimische Vogel- und Tierwelt nicht zu stören.
Wo lasse ich mein Auto für die Dauer des Besuchs?
Für Tagesausflügler und Übernachtungsgäste steht am Ortseingang von Schaprode auf Rügen ein sehr großer, bewirtschafteter Parkplatz zur Verfügung. Von diesem Parkplatz aus läufst du etwa zehn bis fünfzehn Minuten durch das Dorf bis zum Fähranleger. Es gibt direkt am Hafen keine Dauerparkplätze für Touristen.
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