Wenn der Hochsommer auf der Insel Rügen langsam ausklingt, verlagert sich der Fokus vieler Naturfreunde von den Stränden in die ausgedehnten Küstenwälder. Die geografischen und geologischen Gegebenheiten der Insel bieten Pilzsammlern hervorragende Bedingungen. Mecklenburg-Vorpommern beheimatet insgesamt etwa 5.000 verschiedene Pilzarten. Durch die klimatischen Veränderungen wandern derzeit sogar wärmeliebende Arten in den Nordosten ein, die hier in den vergangenen hundert Jahren nicht heimisch waren.
Ein wesentlicher Unterschied zu vielen anderen Küstenregionen ist der kalkhaltige Boden auf Rügen, der durch die weitreichenden Kreidevorkommen geprägt wird. Diese spezielle Bodenbeschaffenheit fördert das Wachstum von Arten, die auf Kalk angewiesen sind, wie beispielsweise der Sommersteinpilz oder der Netzstielige Hexenröhrling. Das Sammeln und der anschließende Verzehr von Wildpilzen bergen jedoch stets gesundheitliche Risiken. Eine Verwechslung mit giftigen Arten hat weitreichende und lebensbedrohliche Folgen. Fundiertes Wissen, die richtige Zubereitung und die strikte Einhaltung lokaler Forst-Vorschriften sind daher unerlässlich für einen sicheren Ausflug in die Natur.
Die beste Zeit für die Pilzsuche: Saison und Wetter
Fachleute betonen oft, dass das ganze Jahr über Pilzsaison herrscht. Im Winter gedeihen beispielsweise der Austernseitling oder das Judasohr, im Frühling wachsen Morcheln. Die klassische Hochsaison, in der auch Hobbysammler in die Wälder ziehen, beginnt jedoch ab Ende August und erstreckt sich über den September und Oktober. In dieser Zeit wachsen die begehrten Röhrenpilze wie Steinpilze oder Maronenröhrlinge.
Die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Suche ist das Wetter. Der Boden muss ausreichend feucht sein, und die Temperaturen dürfen nachts nicht unter den Gefrierpunkt fallen. Wenn es in einem Waldstück länger als drei Wochen nicht geregnet hat, lohnt sich die Suche kaum, da das unterirdische Pilzmyzel ohne Feuchtigkeit keine Fruchtkörper ausbildet.
Die besten Reviere: Sandböden und Kalk-Buchenwälder
Die Waldgebiete auf Rügen lassen sich grob in zwei ökologische Bereiche unterteilen, die jeweils völlig unterschiedliche Pilzarten beheimaten. Je nach Standort musst du deinen Blick für andere Hutformen schärfen.
Dünenkiefernwälder auf Sandboden
In den sandigen, küstennahen Bereichen, etwa auf der Schaabe oder in den Wäldern bei Prora, dominieren Nadelbäume wie die Waldkiefer. Auf diesen typischen Sandböden wachsen vorrangig Butterpilze, Körnchen-Röhrlinge sowie viele Maronen und Pfifferlinge. Da diese Wälder oft lichter sind, lässt sich der mit Moos bedeckte Boden gut absuchen.
Kalk-Buchenwälder
Auf Rügen finden sich ausgedehnte Buchenwälder mit sehr altem Baumbestand. Bekannte Gebiete sind der Nationalpark Jasmund oder die Waldgebiete der Granitz zwischen Binz und Sellin. Hier finden sich oft weniger der klassischen, in Massen auftretenden Speisepilze, dafür aber seltene Exemplare. In feuchten Herbstmonaten wachsen hier vorrangig der Braune und der Honiggelbe Hallimasch auf dem Totholz.
Tipps für Anfänger: Welche Pilze sicher sind
Für Einsteiger in die Pilzsuche gilt eine klare Empfehlung: Konzentriere dich auf die Röhrlinge. Diese Pilze haben ihren Namen von den Röhren an der Hutunterseite, die optisch an einen feinen Schwamm erinnern. Röhrlinge sind verhältnismäßig leicht zu erkennen, weisen nur wenige ungenießbare, bittere Arten auf und beinhalten in unseren Breiten kaum tödlich giftige Exemplare. Ein seltener, giftiger Vertreter ist der Satans-Röhrling, der in Mecklenburg-Vorpommern jedoch nur an sehr wenigen Standorten vorkommt.
Meiden sollten Anfänger hingegen alle Pilze mit weißen Lamellen an der Hutunterseite. In dieser Gruppe finden sich die gefährlichsten, tödlich giftigen Arten unserer Region, wie der Grüne Knollenblätterpilz.
Die wichtigste Grundregel im Wald lautet: Ernte und verzehre ausschließlich Pilze, die du zu einhundert Prozent kennst und sicher bestimmen kannst. Im Zweifel bleibt der Pilz immer im Wald stehen.
Zubereitung: Wildpilze niemals roh verzehren
Ein häufiger Fehler bei der Zubereitung ist unzureichendes Garen. Alle Waldpilze sind im rohen Zustand unbekömmlich bis giftig. Selbst Speisepilze wie die Marone oder der Hallimasch verursachen ungekocht schwere Magen-Darm-Beschwerden. Pilze müssen zwingend für 15 bis 20 Minuten ausreichend erhitzt werden – sei es durch Braten, Schmoren, Grillen oder Dünsten. Erst durch die Hitzeeinwirkung werden bestimmte Toxine zerstört und die Pilze entfalten ihr volles, charakteristisches Aroma.
Da Wildpilze zudem Stoffe aus dem Boden anreichern können, raten Experten, bei regelmäßigem Verzehr eine wöchentliche Menge von 250 Gramm Frischgewicht pro Person nicht zu überschreiten.
Tipp: Sammle deine Funde stets in luftdurchlässigen Körben; in geschlossenen Plastiktüten zersetzt sich das Pilzeiweiß rasch und führt zu unechten Pilzvergiftungen.
Strenge Naturschutzregeln im Nationalpark Jasmund
Ein Spaziergang durch den Nationalpark Jasmund unterliegt klaren gesetzlichen Vorgaben. Der Leitsatz lautet: Im Nationalpark darf die Natur ungestört sein und werden, wie sie will. Dazu zählt das ungestörte Heranwachsen von Pflanzen und Pilzbeständen. Jede Entnahme von Pilzen, Beeren, Steinen oder Wurzeln greift in die sensiblen ökologischen Abläufe ein.
Aus diesem Grund ist das Sammeln von jeglichen essbaren Pilzen oder Beeren in der ausgewiesenen Kernzone des Nationalparks Jasmund vollständig verboten. Ausschließlich in der sogenannten Schutzzone II (Pflege- und Entwicklungszone) ist die Mitnahme geringer Mengen für den persönlichen Bedarf gestattet, sofern die gekennzeichneten Wanderwege dabei nicht verlassen werden.
Sicherheit und Pilzberater auf Rügen
Wenn du dir bei einem Fund unsicher bist, kannst du dich an offizielle Sachverständige wenden. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es über 40 ehrenamtlich tätige Pilzberater, die nach einer umfangreichen staatlichen Prüfung einen Befähigungsnachweis erhalten haben. Sie untersuchen deine Fundstücke und geben verlässliche Auskunft.
Auf der Insel Rügen stehen dir zwei Pilzberater zur Verfügung:
- Eckhard Berger, Proraer Chaussee 9, 18609 Binz (Tel: 0176 29189862)
- Rosemarie Fock, Circus 6A, 18581 Putbus (Tel: 038301 60222)
Praxisbeispiel: Täublinge sicher bestimmen
Täublinge sind in den Wäldern Rügens sehr häufig anzutreffen. Ihre korrekte Bestimmung erfordert ein methodisches Vorgehen. Täublinge gehören zu den sogenannten Sprödblättlern. Ihre kugelige Zellstruktur macht das Fruchtfleisch mürbe und brüchig.
Merkmale der Täublinge
Ein Täubling besitzt einen Hut, Lamellen und einen Stiel. Er hat keinen Ring, keine Schuppen, keine knollige Basis und sondert bei Verletzung keine Milch ab. Der kräftige Stiel bricht glatt wie ein Apfelstück. Streicht man mit dem Finger über die Lamellen, splittern diese meist schnell ab. Die Sporenpulverfarbe variiert zwischen weiß, beige, ocker oder gelb. Besitzt ein Pilz diese Merkmale nicht, handelt es sich nicht um einen Täubling.
Die Geschmacksprobe
In Europa gilt für diese spezielle Gattung eine praktische Regel: Mild schmeckende Täublinge sind essbar. Um dies zu prüfen, kauen erfahrene Sammler ein kleines Stück des Hutes inklusive der Lamellen. Schmeckt das Stück scharf oder bitter, ist der Pilz ungenießbar. Das gekaute Stück wird danach zwingend ausgespuckt und nicht hinuntergeschluckt. Anfänger sollten diese Methode jedoch nur anwenden, wenn sie die Gattung der Täublinge vorab zweifelsfrei identifiziert haben.
Häufige Fragen zum Pilzesammeln in der Region
Was tue ich bei einem Verdacht auf eine Pilzvergiftung?
Kontaktiere unverzüglich einen Arzt oder die Giftnotrufzentrale (Telefon für Mecklenburg-Vorpommern: 0361 730 730). Löse kein Erbrechen aus und bewahre verbliebene Putzreste, das restliche Essen oder Erbrochenes für die medizinische Bestimmung auf, damit die Ärzte gezielt behandeln können.
Darf ich Pilze in einer Plastiktüte sammeln?
Nein, das ist ein häufiger Fehler. Pilze sind sehr eiweißreich und verderben in luftundurchlässigen Plastikbeuteln schnell. Die fehlende Luftzirkulation fördert die Zersetzung des Pilzeiweißes. Der Verzehr solcher unsachgemäß transportierten Pilze führt oft zu starken Magen-Darm-Beschwerden, auch wenn es sich um gute Speisepilze handelt. Verwende für den Transport stets geflochtene, luftige Körbe.
Wo darf ich im Nationalpark Jasmund Pilze sammeln?
In der streng geschützten Kernzone des Nationalparks Jasmund ist die Entnahme von Pilzen, Pflanzen und Beeren vollständig verboten. Nur in der Schutzzone II (Pflege- und Entwicklungszone) dürfen geringe Mengen für den Eigenbedarf gesammelt werden, sofern die offiziellen Wanderwege dabei nicht verlassen werden.
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