Hansestadt Anklam – Peene-Logistik, Lilienthal-Erbe und das Tor nach Usedom
Die Hansestadt Anklam fungiert als der zentrale infrastrukturelle und administrative Knotenpunkt im vorpommerschen Binnenland, südlich der Insel Usedom. Geografisch direkt an der Peene gelegen, besitzt die ehemalige Kaufmannsstadt keinen eigenen Zugang zur offenen Ostsee, sondern kontrolliert historisch wie modern die Binnenschifffahrt und die landseitigen Zugangswege in Richtung der vorgelagerten Inseln. Die Relevanz der Stadt generiert sich heute primär aus ihrer logistischen Funktion als Transitverteiler an den Bundesstraßen 109 und 110 sowie aus ihrem herausragenden wissenschaftshistorischen Erbe als Geburtsort des Flugpioniers Otto Lilienthal. Für Fachbesucher und Transitreisende bietet Anklam weitreichende Einblicke in den hochkomplexen Wassertourismus auf dem Fluss Peene, die Erhaltung der norddeutschen Backsteingotik und die Herausforderungen der Pendler- und Verkehrsmobilität im ländlichen Raum.
| Logistischer Parameter | Spezifikation Anklam |
|---|---|
| Gewässerzugang | Fluss Peene (schiffbar bis zum Stettiner Haff) |
| Strandbeschaffenheit | Kein Ostseestrand; Flusshafen und Wasserwanderrastplätze |
| Schienenanbindung | Ja (Bahnhof Anklam; Regional- und Fernverkehr der DB) |
| Distanz zur Ostseeküste | ca. 40 km (bis in die Kaiserbäder auf Usedom) |
Hydrologie und Wassertourismus: Der Fluss Peene
Die topografische Prägung Anklams wird massiv durch den Fluss Peene dominiert, der die Stadtlandschaft durchschneidet.
Dieser Tieflandfluss zeichnet sich durch ein extrem geringes Gefälle aus, was bei spezifischen Windlagen sogar eine Fließumkehr des Ostseewassers am Stettiner Haff bis tief ins Binnenland ermöglicht. Aufgrund der ausgedehnten, unverbauten Uferzonen und der intakten Niedermoore wird die Peene touristisch auch als „Amazonas des Nordens“ bezeichnet. Für Anklam bedeutet dies eine infrastrukturelle Spezialisierung: Anstelle der klassischen Küstenschifffahrt fokussiert sich die Stadt auf den Wasserwandertourismus und den Betrieb eines industriellen Binnenhafens. Der Anklamer Flusshafen ist für Binnenschiffe sowie leichte Küstenmotorschiffe ausgelegt und dient primär dem Umschlag von Holz, Düngemitteln und landwirtschaftlichen Erzeugnissen, wodurch Anklam eine vitale wirtschaftliche Funktion im vorpommerschen Agrarraum beibehält.
Wissenschaftshistorie: Das Erbe Otto Lilienthals
Die kulturelle und internationale Wahrnehmung der Stadt ist untrennbar mit dem 1848 hier geborenen Ingenieur und Flugpionier Otto Lilienthal verbunden.
Otto-Lilienthal-Museum
Das städtische Museum dokumentiert nicht primär regionale Heimathistorie, sondern ist eine international anerkannte, technikgeschichtliche Institution. Es analysiert physikalisch und historisch die Entwicklung des Menschenflugs. Die Rekonstruktionen der Lilienthalschen Gleitapparate veranschaulichen die frühen aerodynamischen Studien des Auftriebs an gewölbten Tragflächen, die das ingenieurtechnische Fundament der modernen Luftfahrtlogistik bildeten.
Nikolaikirche und das Ikareum
Ein herausragendes Beispiel für die Umnutzung historischer Bausubstanz ist die Nikolaikirche. Die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte gotische Backsteinkirche wird sukzessive zum „Ikareum“ umgebaut – einem Flug- und Erlebniszentrum. Bereits zu seinen Lebzeiten nutzte Lilienthal den Turm dieser Kirche für frühe aerodynamische Versuche. Die statische Einbettung einer modernen Ausstellung in eine monumentale Sakralruine ist bautechnisch eine extreme Herausforderung.
Verkehrslogistik: Das Nadelöhr nach Usedom
Anklam nimmt eine zentrale Verteilerfunktion für den gesamten Festland-Individualverkehr in Richtung Ostsee ein.
Die Bundesstraße 109, die als Magistrale von Berlin nach Greifswald führt, kreuzt in Anklam die Bundesstraße 110. Diese Trasse (B110) ist die südliche Haupteinflugschneise auf die Insel Usedom (über die dortige Zecheriner Brücke). An Bettenwechsel-Wochenenden in der touristischen Hauptsaison transformiert sich dieser Knotenpunkt unweigerlich zu einem logistischen Flaschenhals, da der Schwerlastverkehr der Agrarwirtschaft auf zehntausende Pkw-Einheiten trifft. Eine staufreie und hocheffiziente Alternative bietet der Bahnhof Anklam. Als regulärer Halt für Regionalexpresszüge (RE3) sowie ausgewählte Fernverkehrszüge (ICE und Intercity) der Deutschen Bahn, stellt er die direkte Schienenanbindung zwischen der Metropolregion Berlin und der vorpommerschen Küste sicher.
Hanseatische Architektur und Denkmalschutz
Trotz der flächendeckenden Zerstörungen zum Ende des Zweiten Weltkriegs verfügt Anklam über bedeutende architektonische Solitäre der Backsteingotik.
Das 32 Meter hohe Steintor ist das letzte erhaltene Stadttor der mittelalterlichen Wehranlage und dokumentiert den einstigen wehrhaften Charakter der Hansestadt. Den markantesten Hochpunkt des Zentrums bildet jedoch die Marienkirche am Marktplatz. Dieser asymmetrische Hallenbau aus dem 13. Jahrhundert verlangt eine kontinuierliche denkmalpflegerische Instandhaltung, da das Mauerwerk durch die salzarme, aber feuchte Witterung im Peenetal stark beansprucht wird. Diese historischen Gebäude stehen in einem extremen städtebaulichen Kontrast zur umliegenden, zweckmäßigen Platten- und Nachkriegsbebauung, die zur schnellen Beseitigung der Wohnungsnot in den Jahrzehnten nach 1945 errichtet wurde.
Häufige Fragen zur Hansestadt Anklam (FAQ)
Gehört Anklam zur Insel Usedom?
Nein, Anklam liegt auf dem Festland von Mecklenburg-Vorpommern. Die Stadt wird jedoch aufgrund ihrer strategischen Verkehrslage an der Bundesstraße 110 sehr häufig als das südliche „Tor zur Insel Usedom“ bezeichnet.
Hat Anklam einen Strand an der Ostsee?
Anklam liegt nicht an der offenen Ostsee, sondern direkt am Binnenfluss Peene. Es gibt in der Stadt keine Meeresstrände, dafür jedoch einen industriellen Binnenhafen und eine weitreichende Infrastruktur für Wasserwanderer.
Wer ist der berühmteste Sohn der Stadt Anklam?
Der 1848 in Anklam geborene Ingenieur Otto Lilienthal ist der berühmteste Sohn der Stadt. Er gilt als der erste Mensch, der reproduzierbare Gleitflüge absolvierte, was ihm den Titel als Flugpionier einbrachte.
Warum wird die Peene „Amazonas des Nordens“ genannt?
Der Fluss zeichnet sich durch ein extrem geringes Gefälle, naturbelassene Uferzonen, weitläufige Niedermoore und eine unberührte, seltene Biodiversität aus. Dies prägte diesen Beinamen im Bereich des Wassertourismus.
Ist der Bahnhof Anklam an den Fernverkehr angeschlossen?
Ja, der Bahnhof Anklam liegt an einer wichtigen Bahnmagistrale. Neben den Regionalzügen (RE3) halten hier auch ICE- und Intercity-Züge (IC) der Deutschen Bahn auf der Strecke zwischen Berlin und Stralsund.
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