Sommer auf der Insel Rügen. Die Sonne brennt, das Thermometer kratzt an der 30-Grad-Marke (oder war schon ordentlich darüber) und in den großen Ostseebädern wie Binz, Sellin oder Baabe reiht sich ein Strandkorb an den nächsten. Die Parkplätze im Ortskern sind bereits am frühen Vormittag belegt. Wer seinen Sommerurlaub auf Rügen verbringt, kennt dieses Bild. Rügen misst jedoch über 900 Quadratkilometer – und wer bereit ist, auf die bequeme Infrastruktur einer Kurpromenade zu verzichten, findet selbst in der absoluten Hochsaison vollkommene Ruhe am Meer.
Naturstrände auf Rügen bedeuten Ostsee pur. Hier gibt es keine DLRG-Wachtürme, keine barrierefreien Strandabgänge, keine öffentlichen Toiletten und schon gar keinen Strandkorbverleih. Dafür erwarten dich eiszeitliche Findlinge, feiner Sand im Wechsel mit schroffen Feuersteinen, knorrige Küstenwälder und das ungestörte Rauschen der Brandung. In diesem detaillierten Guide zeige ich dir fünf abgelegene Küstenabschnitte, an denen du den Menschenmengen garantiert ausweichst – inklusive aller wichtigen Fakten zu Anfahrt, Geologie und lokalen Parkregeln.
Die 5 besten abgelegenen Naturstrände der Insel Rügen
1. Palmer Ort: Der tiefste Süden (Halbinsel Zudar)
Der Palmer Ort markiert den südlichsten Punkt der Insel Rügen und ist geologisch gesehen ein faszinierender Übergangsbereich. Hier trifft der Greifswalder Bodden auf die Strömungen der Ostsee. Der Strand ist schmal, oft feinsandig, wird aber immer wieder von dichten Schilfgürteln und natürlich angespültem Seegras durchzogen. Das Wasser ist hier flach und erwärmt sich im August besonders schnell, was die Bucht ideal für ausgedehnte Wattwanderungen macht. Bei klarem Wetter blickst du von hier direkt auf das Festland nach Stahlbrode und auf die Silhouette von Greifswald.
Die Logistik vor Ort: Die Anfahrt erfolgt über die historische Alleenstraße Richtung Garz und weiter auf die Halbinsel Zudar. Der letzte Kilometer führt über einen unbefestigten, von alten Bäumen gesäumten Waldweg. Vorsicht: Nach starken Sommergewittern ist dieser Weg von tiefen Pfützen durchzogen – achte auf die Bodenfreiheit deines Autos! Es gibt einen kleinen, unbefestigten Naturparkplatz direkt im Wald. Von dort aus läufst du etwa zehn bis fünfzehn Minuten durch ein dichtes Naturschutzgebiet bis zur Wasserkante. Da hier kein klassischer Kurbetrieb herrscht und die Infrastruktur komplett fehlt, fällt am Palmer Ort in der Regel auch keine Kurtaxe an.
2. Bakenberg & Nonnevitz: Die wilde Nordwest-Küste
Ganz im Nordwesten, wo der Wind fast immer aus westlichen Richtungen bläst, liegt das Gebiet rund um den Bakenberg. Die Küste auf der Halbinsel Wittow ist rau, dramatisch und geprägt von einem bis zu 15 Meter hohen, aktiven Kliff. Der Strand ist ein abenteuerlicher Mix aus feinem Quarzsand, grobem Kies und gewaltigen eiszeitlichen Findlingen, die in der Brandung liegen. Der angrenzende Küstenschutzwald aus tiefwurzelnden Kiefern spendet an heißen Augusttagen natürlichen Schatten. Nach Stürmen ist dies ein hervorragendes Revier, um versteinerte Seeigel oder Hühnergötter zu finden.
Die Logistik vor Ort: Dieser Küstenabschnitt erfordert etwas Vorplanung. Die beste Parkmöglichkeit bieten die ausgewiesenen Tagesparkplätze der anliegenden Campingplätze (z. B. in Nonnevitz). Hier löst du Tagestickets zumeist via App (Parkster) oder mit Münzgeld (plane ca. 6 bis 8 Euro pro Tag ein). Der Abstieg zum Wasser erfolgt über steile, oft provisorische Holztreppen, die sich eng an die Klippen schmiegen. Für Bollerwagen oder Kinderwagen ist dieser Strandabschnitt daher ungeeignet. Wichtig: Halte stets einen Sicherheitsabstand zur Steilküste, da Sandabbrüche unberechenbar sind!
3. Die mittlere Schaabe: Waldabenteuer zwischen Glowe & Juliusruh
Die Schaabe ist mit knapp zehn Kilometern die längste Sandnehrung Rügens. Während sich die Urlauber an den Rändern in Glowe und Juliusruh drängen, bleibt der mittlere Bereich selbst im Hochsommer noch weniger frequentiert. Der Strand besteht aus feinstem, weißen Karibiksand, der flach in die Ostsee abfällt.
Die Logistik vor Ort: Entlang der Landstraße (L30) zwischen Glowe und Juliusruh gibt es mehrere kleine, oft unbefestigte Waldparkplätze (teils kostenpflichtig). Das Parken direkt an der Straße ist leider eine riskante „Tradition“ und nicht ganz ungefährlich – wir raten davon ab! Von den offiziellen Parkbuchten aus musst du etwa 5 bis 15 Minuten durch den dichten Küstenschutzwald aus Kiefern wandern, bevor du die Dünen erreichst. Diese „Eintrittshürde“ des Fußmarsches ist der Grund, warum du hier deutlich mehr Ruhe findest. Nimm ausreichend Trinkwasser mit, denn die nächste Einkaufsmöglichkeit ist ein Stück entfernt.
4. Neu Mukran (Prorer Wiek): Strand der Feuersteine
Zwischen dem Fährhafen Sassnitz-Mukran und dem Seebad Binz erstreckt sich die Prorer Wiek. Während sich am südlichen Ende vor dem KdF-Koloss in Prora die Massen tümmeln, lässt der nördlichste Abschnitt bei Neu Mukran oft mehr Freiraum zu. Dieser Strandbereich grenzt an die Schmale Heide. Hier findest du viel feinen Sand, der jedoch von unzähligen, vom Meer glattgeschliffenen Feuersteinen durchsetzt ist.
Die Logistik vor Ort: Nutze den Parkplatz am Fährhafen Mukran oder den Waldparkplatz direkt an der L29 auf Höhe der Abzweigung zu den Feuersteinfeldern. Von dort aus nimmst du die sandigen Trampelpfade durch den dichten Kiefernwald in Richtung Meer (ca. 15 Minuten). Wer Hunger hat, kann auf dem Rückweg „Peters“ (nicht zu übersehen > in Richtung Sassnitz rechts der große Bau noch vor dem Hafen) oder den Fischimbiss (ein kleines Stück weiter gegenüber auf der anderen Straßenseite) im Hafengebiet von Mukran ansteuern.
5. Wreechen: Der idyllische Boddenstrand bei Putbus
Wer das offene Meer meiden möchte, findet am Wreechener See südlich von Putbus ein echtes Naturidyll. Der Strand am Greifswalder Bodden ist grasbewachsen, von Schilf umrahmt und bietet einen herrlichen Blick auf die unter Naturschutz stehende Insel Vilm. Das Wasser ist flach und ruhig.
Die Logistik vor Ort: Wreechen ist ein kleines Dorf. Es gibt keine großen offiziellen Parkplätze. Wer hierher kommt, reist am besten mit dem Fahrrad von Putbus oder Lauterbach an. Das schont nicht nur die engen Dorfstraßen, sondern auch die Nerven. Verpflegung gibt es hier keine, packe dir also ein Picknick ein.
Praxis-Check: Logistik für deinen Naturstrand-Ausflug
Zielgruppe & Mobile-Fix
Naturstrände sind perfekt für Paare, Naturliebhaber und Wanderer. Für Familien mit Kleinkindern im Buggy, Senioren mit Gehhilfen oder Personen, die auf eine barrierefreie Infrastruktur angewiesen sind, sind diese Abschnitte gänzlich ungeeignet. Die fehlende DLRG-Überwachung erfordert zudem, dass Eltern ihre schwimmenden Kinder ununterbrochen beaufsichtigen. Wer Sicherheit sucht, sollte auf die Top Familienstrände auf Rügen ausweichen.
Verpflegung & Ausrüstung
An Naturstränden gilt das Prinzip der absoluten Selbstversorgung. Es gibt keine Strandkioske, keine Toiletten und keine Mülleimer. Ein gut gepackter Rucksack mit ausreichend Trinkwasser (mindestens 1,5 Liter pro Person im August!), Snacks, Sonnenschutz und einer robusten Decke ist Pflicht. Bitte nimm deinen gesamten Müll am Abend wieder mit in deine Ferienwohnung, um die empfindliche Natur der Küste zu schützen.
Häufige Fragen zu den Naturstränden
Muss ich an Naturstränden auf Rügen Kurtaxe bezahlen?
Das hängt von der Gemeindezugehörigkeit ab. Liegt der Naturstrand innerhalb einer kurpflichtigen Gemeinde (wie Neu Mukran bei Binz oder Bereiche der Schaabe bei Glowe/Breege), ist die Kurtaxe theoretisch fällig und deine reguläre Gästekarte der Insel muss mitgeführt werden. In völlig freien Bereichen wie dem Palmer Ort wird in der Praxis keine Abgabe erhoben.
Kann ich meinen Hund an die Naturstrände mitnehmen?
Naturstrände sind in der Regel nicht offiziell als Hundestrände deklariert, werden aber aufgrund ihrer Abgeschiedenheit von vielen Hundehaltern genutzt. Beachte jedoch dringend die Leinenpflicht, insbesondere in den angrenzenden Küstenwäldern und Naturschutzgebieten, um die lokale Wildtierpopulation nicht zu stören.
Gibt es an den Naturstränden gefährliche Strömungen?
Ja, insbesondere an der offenen Nord- und Ostküste (Bakenberg, Schaabe) können bei auflandigem Wind gefährliche Unterströmungen (Brandungsrückströme) entstehen. Da keine Rettungsschwimmer vor Ort sind, badest du hier immer auf eigene Gefahr. Geh bei starkem Wellengang oder roter Flagge an den benachbarten Hauptstränden auf keinen Fall an einem unbewachten Naturstrand ins Wasser.
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