Ab Mitte September verändert sich die Geräuschkulisse im Westen der Insel Rügen. Sobald die Dämmerung einsetzt, hörst du ein lautes, fast schon metallisches Trompeten, das kilometerweit über das flache Land trägt. Tausende Graukraniche (Grus grus) treffen aus Skandinavien, dem Baltikum und Russland ein, um auf Rügen einen mehrwöchigen Zwischenstopp einzulegen. Ihr Ziel ist die Westeuropäische Zugroute, die sie bis nach Spanien oder Nordafrika führt. Bevor sie jedoch die kraftraubende Etappe über das europäische Festland antreten, fressen sie sich auf den abgeernteten Feldern der Insel wichtige Fettreserven an.
Anatomie und Flugroute: Warum die Vögel hier rasten
Der Graukranich ist mit einer Körperhöhe von bis zu 130 Zentimetern der größte heimische Vogel. Die Tiere benötigen riesige, flache Gewässer, um sicher durch die Nacht zu kommen. Die Boddengewässer im Rügen-Westen und rund um die angrenzende Halbinsel Fischland-Darß-Zingst bieten exakt diese Bedingungen. Die Vögel schlafen stehend im knietiefen Wasser. Nähert sich ein Fuchs oder ein Wildschwein vom Ufer, hören die Kraniche das Plätschern sofort und können auffliegen.
Tagsüber verlassen sie diese sicheren Schlafgewässer und pendeln zu den umliegenden Mais- und Getreidefeldern. Wer die Flugformationen am Himmel beobachtet, erkennt das typische V-Muster. Diese Anordnung ist pure Aerodynamik: Der Leitvogel an der Spitze durchschneidet die Luft, während die nachfolgenden Tiere im kräftesparenden Windschatten segeln. Wenn der vorderste Kranich ermüdet, lässt er sich zurückfallen und ein anderer übernimmt die anstrengende Führungsposition.
Ummanz und Schaprode: Die Beobachtung an Land
Das Epizentrum des Kranichzugs auf Rügen ist die kleine, flache Nachbarinsel Ummanz sowie die Küstenlinie bei Schaprode. Am Ufer bei Tankow auf Ummanz hat der Naturschutzbund eine offizielle Beobachtungsplattform errichtet. Von hier aus blickst du direkt über das Flachwasser der Udarser Wiek. Wenn abends ab etwa 17 Uhr die Schwärme im Minutentakt einfliegen und im Gegenlicht der sinkenden Sonne zur Landung ansetzen, drängen sich auf diesem kleinen Turm oft Dutzende Menschen mit Teleobjektiven.
Gut zu wissen: Um dem Gedränge auf der Plattform zu entgehen, kannst du dich auch einfach mit dem Fahrrad auf dem Deich zwischen Schaprode und Ummanz positionieren. Wichtig ist nur, dass du dich ruhig verhältst und dunkle, gedeckte Kleidung trägst. Kraniche haben ein exzellentes Sehvermögen und meiden Flächen, an denen unruhige, auffällige Silhouetten stehen.
Auf dem Wasser: Annäherung mit der Weißen Flotte
Wer nicht im kalten Herbstwind auf dem Deich stehen möchte, kann das Naturschauspiel vom Wasser aus beobachten. Die Reederei der Weißen Flotte bietet ab Schaprode und Stralsund spezielle Kranichfahrten an. Die kleinen Ausflugsschiffe fahren in die Nähe der Schlafplätze heran — natürlich unter strikter Einhaltung der gesetzlichen Schutzabstände von mindestens 300 Metern.
Der große Vorteil dieser Bootstouren: An Bord befinden sich fast immer ehrenamtliche Experten des Kranichzentrums Groß Mohrdorf (gelegen auf dem Festland nahe Stralsund), die das Verhalten der Tiere über Mikrofone und Großleinwände detailliert erklären. Ein Ausleihen von Ferngläsern ist oft direkt an Deck möglich. Die Fahrten dauern meist zwischen drei und vier Stunden und kosten für Erwachsene rund 25 Euro. Da die Sitzplätze begrenzt sind, solltest du in der Hochphase des Zugs (Anfang bis Mitte Oktober) dein Ticket zwingend mehrere Wochen im Voraus online reservieren.
Die Regeln der Beobachtung
Die Tiere befinden sich auf einem anstrengenden Langstreckenflug. Jede Flucht kostet sie wertvolle Energie, die ihnen später auf dem Weg in den Süden fehlt. Wenn du mit dem Auto unterwegs bist, bleibe bei der Beobachtung von nahrungssuchenden Tieren auf den Feldern unbedingt im Fahrzeug sitzen. Das Auto wird von den Vögeln als eine Art „rollende Kiste“ akzeptiert. Sobald jedoch eine Wagentür aufgeht und ein Mensch aussteigt, schlägt der gesamte Schwarm sofort Alarm und flieht. Fotografiere also immer bei heruntergelassenem Fenster und verzichte auf lautes Rufen oder hektische Bewegungen.
Ornithologisches Wissen: Der Graukranich auf Rügen
Wie groß und schwer wird ein Graukranich?
Ein ausgewachsener Graukranich erreicht eine Körperhöhe von 110 bis 130 Zentimetern, eine Flügelspannweite von deutlich über zwei Metern und wiegt zwischen vier und sieben Kilogramm. Charakteristisch ist das aschegraue Gefieder, der lange, dünne Hals und eine leuchtend rote, unbefiederte Hautpartie auf dem Kopf der Altvögel. Jungvögel sind an ihrem einheitlich bräunlichen Kopf ohne diese rote Krone zu erkennen.
Wann ist die beste Uhrzeit, um Kraniche auf Rügen zu beobachten?
Die intensivsten Beobachtungszeiten sind die ersten zwei Stunden nach Sonnenaufgang, wenn die Vögel ihre Schlafplätze im Flachwasser verlassen, sowie die Zeit ab einer Stunde vor Sonnenuntergang, wenn die großen Schwärme von den Feldern zurückkehren. Tagsüber verteilen sich die Vögel weiträumig in kleinen Gruppen auf den landwirtschaftlichen Flächen der gesamten Insel, um zu fressen.
Warum rufen Kraniche beim Fliegen so laut?
Der laute, trompetenartige Ruf dient der akustischen Kommunikation innerhalb des Familienverbandes und der Koordination des gesamten Schwarms während des komplexen Formationsfluges. Anatomisch wird dieser extrem weittragende Ton durch eine stark verlängerte Luftröhre ermöglicht, die beim Kranich in Schlaufen wie ein Blasinstrument in das hohle Brustbein eingebettet ist und dieses als Resonanzkörper nutzt.
Wo schlafen die Kraniche auf Rügen genau?
Die Vögel übernachten stehend in den knietiefen Flachwasserzonen der Boddengewässer, insbesondere in der Udarser Wiek bei Ummanz und den angrenzenden Ufern bei Schaprode. Das Wasser wirkt wie eine natürliche Alarmanlage: Nähert sich in der Nacht ein Raubtier wie ein Fuchs oder ein Wildschwein, hören die Kraniche das laute Plätschern sofort und können rechtzeitig auffliegen.
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