Süd-Rügen und die Halbinsel Zudar – Stille am Greifswalder Bodden
Willkommen im tiefen Süden unserer Ostseeinsel, einer Region, die von vielen Tagesgästen auf dem Weg zu den bekannten Seebädern leider oft nur durch das Autofenster wahrgenommen wird. Wer jedoch die ausgetretenen touristischen Pfade verlässt und sein Lenkrad in Richtung der Halbinsel Zudar oder der historischen Städte im Süden einschlägt, entdeckt das ursprüngliche und ruhige Rügen. Hier prägen endlose, alte Alleen das Landschaftsbild, die im Frühsommer ein dichtes, grünes Blätterdach über die Straßen spannen. Weite Felder, weidende Schafherden und die stillen Wasserflächen des Greifswalder Boddens dominieren die Kulisse.
Der Insel-Süden ist kein Ort für laute Strandpartys oder überfüllte Promenaden. Es ist ein Rückzugsort für Individualisten, Naturliebhaber und Kulturfreunde. Hier findest du die älteste Stadt der Insel, deren slawische Wurzeln noch heute sichtbar sind, und flanierst im direkten Kontrast dazu durch eine herrschaftliche, planmäßig angelegte Residenzstadt, die komplett in Weiß erstrahlt. Wer das Fahrrad liebt, wird diese Region wegen ihrer flachen Topografie und der verkehrsarmen Nebenstraßen sofort ins Herz schließen. Als dein Begleiter für die Ostseeküste zeige ich dir, wo genau sich der südlichste Punkt Rügens verbirgt, wie du die Anreise über das Wasser planst und an welchen Orten die Barrierefreiheit besonders gut umgesetzt ist. Lass uns die stille Schönheit von Süd-Rügen gemeinsam erkunden!
Süd-Rügen Tipps – Kartenübersicht
Süd-Rügen & Halbinsel Zudar
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Kartendaten © OpenStreetMap
Die Hektik im Süden von Rügen hinter sich lassen: Wenn hundert Autos über die Rügenbrücke auf die Insel Rügen rollen, biegen schätzungsweise 98 davon direkt auf die Bundesstraße 96 ab, um in den Norden zu den Kreidefelsen oder in den Osten zu den prachtvollen Seebädern zu rasen. Die restlichen zwei Autos biegen rechts ab – und tauchen ein in eine völlig andere Welt. Süd-Rügen, und insbesondere die weit in den Greifswalder Bodden ragende Halbinsel Zudar, ist der am wenigsten touristisch erschlossene Teil der gesamten Insel. Und genau das ist sein größter Schatz!
Hier gibt es keine Seebrücken, keine Spaßbäder und keine Flaniermeilen. Wer nach Süd-Rügen kommt, sucht das Rauschen des Schilfs, versteckte Gutshäuser am Ende alter Kopfsteinpflaster-Alleen und kleine, einsame Naturstrände. Die Region ist landwirtschaftlich geprägt, das Tempo ist herrlich dörflich, und der Sternenhimmel ist nachts so klar wie fast nirgendwo sonst an der Ostsee, weil es hier schlichtweg keine Lichtverschmutzung durch große Hotels gibt.
Die Glewitzer Fähre: Der nostalgische Geheimweg auf die Insel
Die Reise in den Süden beginnt für echte Kenner oft gar nicht auf der Rügenbrücke, sondern auf dem Festland in Stahlbrode. Von hier aus pendelt die Glewitzer Fähre hinüber auf die Halbinsel Zudar. Diese kleine Autofähre ist weit mehr als nur ein Transportmittel; sie ist eine rügensche Institution und eine herrlich nostalgische Entschleunigung direkt zum Urlaubsstart.
Wichtige Praxis-Tipps für die Fähre: Die Glewitzer Fähre ist nicht ganzjährig in Betrieb! Sie fährt in der Regel nur von April bis Ende Oktober. Während sich im Hochsommer auf dem Rügendamm kilometerlange Staus bilden, schipperst du hier bei einer frischen Brise und einem Kaffee in der Hand in knapp 15 Minuten über den Strelasund. Achtung, Kostenfalle: Die Überfahrt ist mautpflichtig (für PKW und Insassen). Rechne mit etwa 7 bis 10 Euro pro Fahrzeug. Zudem kann es an den Hauptanreisetagen (Samstagmittag) auch hier zu Wartezeiten kommen, da die Kapazität der kleinen Schiffe begrenzt ist. Doch die Einfahrt in den winzigen, verschlafenen Fährhafen Glewitz ist jeden Cent wert.
Palmer Ort: Am südlichsten Punkt der Insel Rügen
Wenn du der Beschilderung auf dem Zudar immer weiter nach Süden folgst, endet die geteerte Straße irgendwann. Über holprige Sandwege (fahre hier besonders nach Regentagen extrem vorsichtig!) erreichst du schließlich das absolute Ende der Insel: Den Palmer Ort. Dies ist der geografisch südlichste Punkt Rügens, eine sandige Nehrung, die spitz in den Greifswalder Bodden sticht.
Naturstrand, Treibholz und gefährliche Strömungen
Palmer Ort ist ein wildromantischer Naturstrand. Hier türmt sich weißes, von Salz und Sonne gebleichtes Treibholz zu bizarren Skulpturen, Kormorane trocknen auf großen Findlingen im Wasser ihre Schwingen, und der Blick reicht an klaren Tagen bis zur Festlandsküste nach Greifswald. Es ist der perfekte Ort für ein einsames Picknick oder einen langen Spaziergang mit dem Hund.
Lebenswichtiger Sicherheitshinweis: Auch wenn das Wasser im Bodden am Palmer Ort oft verlockend ruhig aussieht und an den flachen Sandbänken zum Baden einlädt – gehe hier niemals weit hinaus! Genau an dieser Landspitze treffen die Wassermassen des Strelasunds und des Greifswalder Boddens aufeinander. Es entstehen unberechenbare, lebensgefährliche Unterwasserströmungen, die selbst geübte Schwimmer in Sekundenschnelle auf die offene See ziehen können. Bleibe im knietiefen Wasser und genieße lieber die spektakuläre Aussicht vom sicheren Ufer aus.
Gut Üselitz: Ein Renaissance-Traum erwacht aus dem Dornröschenschlaf
Die Geschichte Süd-Rügens ist tief mit dem Landadel verwoben. Ein absolutes architektonisches Wunderwerk findest du versteckt in der Nähe der Wiek: Das Gut Üselitz. Das imposante Renaissance-Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert liegt auf einer kleinen Insel, die fast vollständig von Wasser und Apfelgärten umgeben ist.
Noch zur Jahrtausendwende war dieses Gebäude eine völlig verfallene, überwucherte Ruine – ein trauriges Relikt der DDR-Zeit. Doch in den letzten Jahren wurde es von Privatbesitzern in unfassbarer Detailarbeit komplett historisch korrekt wiederaufgebaut. Infos für Besucher: Das Herrenhaus selbst wird heute als exklusive Event-Location (oft für Hochzeiten) vermietet und ist innen meist nicht öffentlich zugänglich. Der umgebende, historische Gutspark mit seinen alten Obstsorten und der schmale Steg über das Wasser bieten jedoch ein atemberaubendes Fotomotiv, das den Umweg auf jeden Fall rechtfertigt!
Poseritz: Gotische Backsteine und die beste Milch der Insel
Die größte Gemeinde in Süd-Rügen ist Poseritz. Der Ort wird dominiert von der mächtigen, dreischiffigen St.-Marien-Kirche, einem herausragenden Beispiel der norddeutschen Backsteingotik aus dem 14. Jahrhundert. Der wuchtige Kirchturm diente den Seeleuten auf dem Bodden jahrhundertelang als wichtige Landmarke zur Navigation.
Geheimtipp für Feinschmecker: Die Rügener Inselfrische
In Poseritz verbirgt sich einer der köstlichsten Insider-Tipps der gesamten Insel! Auf einem traditionellen Bauernhof wird hier die „Rügener Inselfrische“ produziert. Aus der Milch der eigenen Kühe, die auf den saftigen Boddenwiesen grasen, stellen die Betreiber in Handarbeit fantastischen Quark, Joghurt und Käse her. Einkaufs-Tipp: Besuche den kleinen Hofladen im Ort! Besonders der Sanddorn-Joghurt und der Kräuterquark sind legendär und gehören auf jeden rügenschen Frühstückstisch. Achtung bei den Öffnungszeiten: Da es sich um einen echten landwirtschaftlichen Familienbetrieb handelt, sind die Türen oft nur wochentags und samstagvormittags geöffnet. Sonntags stehst du hier vor verschlossenen Türen.
Schoritz: Auf den Spuren von Ernst Moritz Arndt
Nur wenige Kilometer entfernt liegt das winzige Dorf Schoritz. Hier wurde 1769 der berühmte, aber historisch durchaus umstrittene Dichter, Historiker und Freiheitskämpfer Ernst Moritz Arndt geboren. Sein Geburtshaus, das kleine Gutshaus Schoritz, ist heute eine Gedenkstätte und ein Museum. Wer sich für die komplexe preußisch-schwedische Geschichte Rügens und das harte Leben der Leibeigenen im 18. Jahrhundert interessiert, findet in den liebevoll kuratierten Räumen spannende Antworten. Der umgebende kleine Park lädt zu einer kurzen, ruhigen Rast ein.
Die Prosnitzer Schanze: Ein Hauch von Kriegsgeschichte
Wer auf der alten Küstenstraße von Garz in Richtung Altefähr fährt, passiert bei Gustow ein historisches Bodendenkmal von europäischem Rang: Die Prosnitzer Schanze (auch Schwedenschanze genannt). Diese gewaltige, sternförmige Erdfestung wurde bereits während des Dreißigjährigen Krieges (um 1630) angelegt, um die Meerenge des Strelasunds vor feindlichen Flotten zu schützen. Im Großen Nordischen Krieg bauten die Schweden sie massiv aus. Heute ist die Natur längst über die Wälle gewachsen, doch die sternförmigen Konturen sind noch immer deutlich zu erkennen. Von der Krone der Schanze hast du einen herrlichen Blick über das Wasser bis nach Stralsund.
Praktische Tipps für deinen Urlaub in Süd-Rügen
- Einkaufen und Infrastruktur: Süd-Rügen ist infrastrukturell sehr dünn besiedelt. Große Supermärkte, Apotheken oder Tankstellen suchst du in den kleinen Dörfern auf dem Zudar vergebens. Dein zentraler Versorgungspunkt ist hier die nahegelegene, älteste Stadt der Insel: Garz. Erledige dort deine Großeinkäufe, bevor du dich in dein Ferienhaus am Bodden zurückziehst!
- Mobilität: Ein eigenes Auto oder zumindest ein gutes E-Bike ist hier absolute Pflicht. Das Busnetz der VVR ist in dieser Region extrem ausgedünnt und oft auf den Schulverkehr ausgerichtet. Ohne fahrbaren Untersatz bist du im Süden der Insel praktisch aufgeschmissen.
- Bargeld lacht: In den kleinen Hofläden, an der Glewitzer Fähre oder in den wenigen rustikalen Landgasthöfen der Region ist Kartenzahlung oft noch ein Fremdwort. Habe immer ausreichend Bargeld dabei!
Süd-Rügen ist kein Ort für Touristen, die bespaßt werden wollen. Es ist eine Region für Reisende, die sich ihre Erlebnisse selbst erlaufen und erradeln. Wer die raue Schönheit der Boddenlandschaft, die tiefe historische Verwurzelung der Gutshäuser und die absolute, heilsame Stille sucht, wird auf der Halbinsel Zudar sein ganz persönliches Insel-Glück finden.
Putbus: Warum wird sie die „Weiße Stadt“ genannt?
Wenn du dich dem Ort Putbus näherst, merkst du sofort, dass hier eine völlig andere architektonische Handschrift vorliegt als im Rest der Insel. Fürst Wilhelm Malte I. ließ die Stadt im frühen 19. Jahrhundert als klassizistische Residenzstadt auf dem Reißbrett entwerfen. Seine strenge Vorgabe: Alle Häuser im Zentrum mussten strahlend weiß gestrichen werden und vor jedem Gebäude sollten Rosenstöcke blühen – eine Tradition, die von vielen Hausbesitzern bis heute gepflegt wird.
Das Herzstück der Stadt ist der „Circus“, ein kreisrunder Platz, der von herrschaftlichen Gebäuden gesäumt wird. Nur wenige Schritte entfernt liegt der weitläufige Schlosspark im englischen Landschaftsstil. Das ehemalige Schloss existiert zwar nicht mehr, aber der Park mit seinen uralten Mammutbäumen, der Orangerie, dem Affenhaus und dem großen Wildgehege lädt zu ausgedehnten Spaziergängen ein. Für Kulturfreunde bietet das historische Theater in Putbus zudem das ganze Jahr über ein hervorragendes Programm in einem sehr intimen, edlen Ambiente.
Garz: Was verbirgt sich in der ältesten Stadt der Insel?
Nur wenige Kilometer westlich von Putbus erreichst du Garz. Sie ist die älteste Stadt auf Rügen und blickt auf eine lange, sehr wechselvolle Geschichte zurück. Anders als die weiße Residenzstadt präsentiert sich Garz als bodenständige Ackerbürgerstadt mit vielen alten Backsteinhäusern und einem sehr ruhigen Marktplatz.
Zwei Dinge solltest du dir hier unbedingt ansehen: Zum einen die St.-Petri-Kirche, ein massiver Backsteinbau, der die Skyline der kleinen Stadt prägt. Zum anderen den gut erhaltenen slawischen Burgwall am Rande der Stadt. Dieser Ringwall stammt aus der Zeit der Ranen und bietet einen schönen Rundgang durch die frühe Besiedlungsgeschichte der Insel. Garz ist zudem eng mit dem Schriftsteller Ernst Moritz Arndt verbunden, dessen Geburtshaus im nahegelegenen Groß Schoritz steht und dem im Stadtzentrum ein eigenes Museum gewidmet ist.
Palmer Ort: Wo befindet sich das versteckte Südende Rügens?
Wenn du die absolute Stille suchst, fährst du auf die Halbinsel Zudar, die den südlichsten Fortsatz Rügens bildet. Am Ende schmaler Straßen und Feldwege erreichst du den Palmer Ort. Dies ist der geografisch südlichste Punkt der Insel. Es gibt hier keine Strandkörbe, keine Kioske und keine Promenaden – nur reinen Naturstrand, der oft mit Treibholz gesäumt ist, und einen Küstenwald, der fast bis ans Wasser reicht.
Vom Palmer Ort aus hast du einen bemerkenswerten, unverbauten Blick über den Greifswalder Bodden direkt hinüber zum Festland. Das Wasser ist hier in Ufernähe sehr flach, was den Ort zu einem schönen Ziel für Familien macht, die abseits der Massen planschen möchten. Auch Hundehalter schätzen diese abgelegene Ecke sehr. Denke jedoch daran, dir eigene Verpflegung mitzubringen, da die Infrastruktur hier ganz bewusst auf ein Minimum reduziert ist.
Die Glewitzer Fähre: Lohnt sich die Anreise über das Wasser?
Der Süden bietet einen logistischen Vorteil für die An- und Abreise. Wenn du aus Richtung Berlin oder dem Süden Deutschlands kommst und die Staus auf dem Rügendamm oder der Rügenbrücke bei Stralsund meiden möchtest, kannst du die Glewitzer Fähre nutzen. Diese kleine Autofähre pendelt in der Saison (meist von Frühjahr bis Herbst) zwischen Stahlbrode auf dem Festland und Glewitz auf der Halbinsel Zudar.
Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten, erspart dir aber oft viel Zeit und Stress auf den verstopften Bundesstraßen. Du gleitest über den Strelasund und kommst direkt auf der ruhigen Halbinsel Zudar an, von wo aus du deine Fahrt über leere Landstraßen in Richtung Putbus oder zu den östlichen Seebädern fortsetzen kannst. Ein schöner Nebeneffekt: Der Urlaub beginnt mit einer echten Seefahrt in sehr entspannter Atmosphäre.
Budget und Barrierefreiheit: Wie zugänglich ist der Süden?
Für die Urlaubskasse ist Süd-Rügen äußerst freundlich. In Orten wie Garz oder auf der Halbinsel Zudar fällt in der Regel keine Kurabgabe an, da es sich nicht um klassische Seebäder handelt. Auch die Parkplätze am Palmer Ort oder in den historischen Innenstädten sind oft kostenfrei oder sehr moderat bepreist. Ein Ausflug in den Süden schont also das Budget spürbar.
Bei der Barrierefreiheit gibt es zwei Seiten: Die Residenzstadt Putbus ist vorbildlich. Die breiten, flachen Wege im Schlosspark und rund um den Circus lassen sich mit Rollstühlen oder Kinderwagen hervorragend befahren. Die Naturstrände auf der Halbinsel Zudar hingegen, wie am Palmer Ort, sind für Mobilitätseingeschränkte kaum zugänglich. Die Wege durch das Wäldchen sind teils weich und der Strand besteht aus tiefem Sand und Kieseln, für die man gut zu Fuß sein muss.
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