Ralswiek – Frühmittelalterliches Handelszentrum und Heimat der Likedeeler
Die Gemeinde Ralswiek ist ein historisch bedeutender Hafenort am südlichsten Ufer des Großen Jasmunder Boddens. Sie verbindet eines der spannendsten archäologischen Bodendenkmäler der slawischen Seefahrt mit der modernen Kulturlandschaft der Störtebeker Festspiele und ermöglicht kulturhistorisch interessierten Urlaubern tiefe Einblicke in die vorchristliche Handelsgeschichte sowie die Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Geografisch liegt Ralswiek extrem geschützt. Der Ort schmiegt sich an das Ende einer tief ins Land einschneidenden Bucht des Großen Jasmunder Boddens. Die Gemeinde wird im Rücken von den bewaldeten, sanften Hügeln des zentralen Muttlandes abgeschirmt. Diese windgeschützte und von der offenen Ostsee gut erreichbare Lage machte den Ort bereits vor über tausend Jahren zu einem geografischen Juwel. Heute präsentiert sich Ralswiek als ein Ort der zwei Geschwindigkeiten: In den Vormittagsstunden herrscht hier eine beschauliche, dörfliche Stille, die ideal für Naturbeobachtungen am ruhigen Boddenufer ist. Am späten Nachmittag der Sommermonate jedoch verwandelt sich die Gemeinde in den belebtesten kulturellen Knotenpunkt der Insel, wenn Tausende von Besuchern zu Deutschlands größtem Open-Air-Theater strömen.
Das Ortsbild wird maßgeblich von einer Hanglage geprägt. Unten am Wasser befinden sich der Hafen, die reetgedeckten Gebäude und die Naturbühne. Oben auf dem Hügel thront das markante Schloss inmitten einer weitläufigen Parkanlage. Ralswiek ist infrastrukturell exzellent angebunden. Die Inselhauptstadt Bergen liegt nur knapp acht Kilometer südlich, was eine lückenlose Versorgung und kurze Anfahrtswege für Ausflügler garantiert.
Ralswiek – Kartenübersicht
Ralswiek – Wo Wikinger, Slawen und Piraten Geschichte schrieben
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Kartendaten © OpenStreetMap
Der slawische Seehandelsplatz: Ein internationales Drehkreuz
Die historische Bedeutung von Ralswiek geht weit über die Legenden von Klaus Störtebeker hinaus. Lange bevor die Hanse den Ostseeraum dominierte, war Ralswiek im 8. und 9. Jahrhundert eines der größten und wichtigsten internationalen Handelszentren (ein sogenanntes Emporium) in Nordeuropa.
Archäologische Faktenlage: Umfangreiche Ausgrabungen in den 1970er und 1990er Jahren brachten Sensationelles zutage. Ralswiek war eine pulsierende Siedlung westslawischer Stämme (der Ranen), die hier Handel mit ganz Skandinavien, dem Baltikum und sogar dem Orient trieben. Die Archäologen fanden Tausende von arabischen Silbermünzen (Dirhams), die belegen, dass die Handelsrouten von Ralswiek über die russischen Flusssysteme bis nach Bagdad reichten. Das absolute Highlight der Ausgrabungen waren jedoch die Überreste von vier großen, klinkergebauten slawischen Handelsschiffen, die im feuchten Boden des Uferbereichs die Jahrhunderte überdauerten. Eines dieser Schiffe wurde aufwendig geborgen und konserviert. Um die enorme Größe der damaligen Siedlung zu begreifen, reicht ein kurzer Fußmarsch in die angrenzenden Schwarzkiefernwälder: Hier liegen über 400 gut erhaltene, teils gewaltige Hügelgräber aus dieser Epoche, die das Gebiet zu einem der größten prähistorischen Gräberfelder im südlichen Ostseeraum machen.
Architektur der Kaiserzeit: Schloss Ralswiek und der Landschaftspark
Das Gesicht des heutigen Ralswiek wurde maßgeblich von einem einzigen Mann geprägt: Hugo Sholto Graf von Douglas. Der wohlhabende Industrielle und Unternehmer kaufte das Gut Ralswiek im Jahr 1891 und ließ es zu einem repräsentativen Herrensitz ausbauen.
Das Schloss im Stil der Neorenaissance
In den Jahren 1893 bis 1896 entstand hoch über dem Bodden das Schloss Ralswiek. Graf von Douglas beauftragte dafür den renommierten Architekten Georg von Hauberrisser (der unter anderem auch das berühmte Neue Rathaus in München entwarf). Hauberrisser orientierte sich bei seinen Plänen stark an der französischen Renaissance, insbesondere an den prunkvollen Schlössern der Loire. Das Gebäude besticht durch seine asymmetrische Form, die markanten, runden Ecktürme mit ihren spitzen Kegeldächern und die feine Gliederung der Fassade. Das Schloss überstand die DDR-Zeit als Alten- und Pflegeheim relativ unbeschadet und wurde nach der Wende denkmalgerecht saniert. Heute beherbergt es ein gehobenes Hotel, weshalb die beeindruckenden Innenräume (wie der holzgetäfelte Speisesaal) primär den Hausgästen vorbehalten sind. Das Betrachten der Außenfassade vom Park aus ist jedoch für jedermann möglich und absolut lohnenswert.
Der botanische Schlosspark
Zeitgleich mit dem Bau des Schlosses ließ Graf von Douglas das umliegende, teils steil abfallende Gelände zu einem englischen Landschaftspark umgestalten. Seine Leidenschaft für Botanik spiegelt sich noch heute im Baumbestand wider. Neben heimischen Arten pflanzte er zahlreiche seltene, exotische Gehölze an, die sich dem rauen Ostseeklima erfolgreich anpassten. Bei einem Spaziergang durch das weitläufige Areal lassen sich mächtige Tulpenbäume, nordamerikanische Roteichen, Sumpfzypressen und Ginkgos entdecken. Der Park zieht sich in sanften Terrassen bis hinunter zum Boddenufer und integriert die Landschaft harmonisch in die Architektur des Schlosses.
Die hölzerne Schwedenkapelle
Ein architektonisches Kuriosum und ein beliebtes Ziel für Hochzeitsgesellschaften steht versteckt am Rande des Schlossparks: Die hölzerne Schwedenkapelle. Auch dieser Bau ist der Initiative des Grafen von Douglas zu verdanken. Auf einer Messe in Stockholm im Jahr 1907 entdeckte er diese komplett aus Holz gefertigte, traditionell skandinavische Kapelle. Fasziniert von der schlichten, aber eindrucksvollen Bauweise, kaufte er das Gebäude kurzerhand, ließ es in seine Einzelteile zerlegen, per Schiff nach Rügen transportieren und in Ralswiek originalgetreu wieder aufbauen. Die rustikale Holzarchitektur bildet einen reizvollen Kontrast zum steinernen Prunk des Schlosses.
Logistik und Ablauf der Störtebeker Festspiele
Die Identität von Ralswiek ist untrennbar mit den Störtebeker Festspielen verbunden. Von Ende Juni bis Anfang September wird hier die Lebensgeschichte des berühmten Freibeuters Klaus Störtebeker und seiner Likedeeler aufgeführt.
Dimensionen und Infrastruktur: Die Naturbühne Ralswiek ist das erfolgreichste und größte Open-Air-Theater Deutschlands. Die Dimensionen sind gigantisch: Die Zuschauerränge fassen über 8.000 Menschen pro Vorstellung. Die Bühne selbst integriert den Großen Jasmunder Bodden als aktive Kulisse, auf dem originalgetreue Nachbauten historischer Koggen manövrieren. Bis zu 150 Mitwirkende, vierzig Pferde und professionelle Stuntreiter agieren allabendlich auf dem Gelände. Jede Vorstellung endet mit einem choreografierten Höhenfeuerwerk, das sich im Wasser des Boddens spiegelt.
Verkehrshinweise für Besucher: Die logistische Bewältigung von 8.000 Besuchern pro Abend in einem kleinen Dorf erfordert ein striktes Verkehrskonzept. Wer die Festspiele besucht, sollte die stark frequentierte Bundesstraße 96 im Auge behalten. Die Anreise sollte zwingend mit ausreichend zeitlichem Puffer erfolgen. Am Ortseingang von Ralswiek befinden sich riesige, ausgewiesene Auffangparkplätze. Von dort aus führt ein etwa 15- bis 20-minütiger, gut ausgeschilderter Fußweg durch den Wald hinunter zur Naturbühne. Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität verkehren Pendelbusse. Eine clevere, völlig staufreie Alternative zur Anreise mit dem Pkw ist die Nutzung von Sonderschiffen. Reedereien bieten an Spieltagen direkte Schifffahrten von Schaprode, Breege oder Lauterbach bis zum Hafen von Ralswiek an, wo die Schiffe unmittelbar an der Festspielbühne anlegen.
Aktivitäten am Bodden: Radwege und Wanderungen
Abseits des abendlichen Festspieltrubels ist Ralswiek ein ruhiger und hervorragend angebundener Ausgangspunkt für die Erkundung der Boddenlandschaft.
Der Hafen Ralswiek ist nicht nur Liegeplatz für die historischen Festspiel-Koggen, sondern bietet auch eine moderne Marina für Segler und Sportbootfahrer. Von hier aus lässt sich das Revier des Großen Jasmunder Boddens ideal befahren. Wer die Landschaft auf dem Landweg erkunden möchte, findet perfekte Bedingungen zum Radfahren. Der weitgehend flache und gut befestigte Boddenradweg führt von Ralswiek in nördlicher Richtung direkt am Wasser entlang bis in die Nachbargemeinde Lietzow. Diese Route, fernab des Straßenverkehrs, bietet herrliche Ausblicke auf die Steilufer der Halbinsel Jasmund. Für historische Entdeckungstouren eignet sich ein ruhiges Wandern in die Buchen- und Schwarzkiefernwälder rund um den Ort, wo man die teils mannshohen slawischen Hügelgräber in der Natur aufspüren kann.





Häufige Fragen zur Gemeinde Ralswiek (FAQ)
Wo liegt Ralswiek auf Rügen?
Ralswiek befindet sich sehr zentral in der Mitte der Insel Rügen (Region Muttland). Der Ort liegt direkt am südlichsten Ufer des Großen Jasmunder Boddens, unmittelbar an der Bundesstraße 96, etwa 8 Kilometer nördlich der Inselhauptstadt Bergen.
Kann man das Schloss Ralswiek von innen besichtigen?
Da das Schloss Ralswiek heute als privat geführtes, exklusives Schlosshotel genutzt wird, sind die historischen Innenräume und Speisesäle primär den Hotelgästen vorbehalten. Die weitläufige, botanisch sehr interessante Parkanlage rund um das Schloss ist jedoch öffentlich und kostenfrei zugänglich.
Wo parke ich am besten für die Störtebeker Festspiele?
Direkt am Ortseingang von Ralswiek (von der B96 abbiegend) werden riesige, gut organisierte und gebührenpflichtige Rasen-Auffangparkplätze für die Besucher bereitgestellt. Von dort gehst du etwa 15 bis 20 Minuten zu Fuß durch ein Waldstück hinunter zur Naturbühne. Direkt an der Bühne gibt es keine regulären Pkw-Parkplätze für Besucher.
Warum liegen in Ralswiek so viele Hügel im Wald?
Die zahlreichen Hügel in den Wäldern rund um Ralswiek sind keine natürlichen Erhebungen, sondern slawische Hügelgräber aus dem 8. bis 12. Jahrhundert. Ralswiek war in dieser Zeit einer der größten Seehandelsplätze Nordeuropas, und diese Gräberfelder zeugen von der enormen Größe der damaligen Siedlung.
Hat Ralswiek einen Sandstrand?
Nein, Ralswiek ist kein klassischer Badeort und besitzt keinen aufgespülten Ostseestrand. Die Uferbereiche am Bodden sind von Schilfgürteln, der Hafenanlage und der Festspielbühne geprägt. Für einen klassischen Badetag am Meer empfiehlt sich die Fahrt an die feinsandigen Strände der Ostküste.
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