Kap Arkona – Das historische Nordkap Rügens und sein monumentales Leuchtturm-Ensemble
Das Flächendenkmal Kap Arkona ist eine 43 Meter hohe, steil abfallende Kreide- und Geschiebemergelküste an der nördlichsten Spitze der Halbinsel Wittow. Es verbindet eine dramatische, jahrhundertealte slawische Siedlungsgeschichte mit einem auf der Welt einzigartigen architektonischen Ensemble aus drei historischen Leuchttürmen und weitläufigen militärischen Bunkeranlagen, was kulturinteressierten Urlaubern einen extrem tiefen, autofreien Einblick in die maritime Seefahrtsgeschichte und die rohe, ungezähmte Kraft der Ostsee ermöglicht.
Geografisch wird das Kap Arkona oft fälschlicherweise als der nördlichste Punkt der Insel Rügen (und damit Mecklenburg-Vorpommerns) bezeichnet. Dieser Titel gebührt geografisch streng genommen dem unscheinbaren „Gellort“, der sich etwa einen Kilometer weiter nordwestlich befindet und durch den sogenannten Siebenschneiderstein markiert wird. Dennoch ist das Kap Arkona das unangefochtene nautische und touristische Nordkap der Insel. Wenn man an der Abbruchkante steht, weht einem der raue, salzige Westwind der offenen Ostsee ungebremst ins Gesicht. Die See ist hier an der Spitze der Halbinsel Wittow – dem sogenannten „Windland“ – berüchtigt für ihre extremen, oft unberechenbaren Strömungen und Untiefen, die in der Vergangenheit hunderten Schiffen zum Verhängnis wurden.
Das gesamte Areal rund um das Kap ist nicht einfach nur ein Aussichtspunkt, sondern ein zusammenhängendes, streng geschütztes Flächendenkmal von gewaltigen Ausmaßen. Es gleicht einem begehbaren Geschichtsbuch, das vier völlig unterschiedliche Epochen auf engstem Raum vereint: Die mythische Ära der slawischen Inselherrscher, die preußische maritime Expansion unter Karl Friedrich Schinkel, die hochtechnologisierte militärische Abschottung während des Kalten Krieges und die heutige Funktion als eines der wichtigsten Naturschutz- und Tourismuszentren der Ostseeküste. Um dieses Areal in seiner vollen Tiefe zu begreifen, muss man die einzelnen Schichten seiner Historie isoliert betrachten.
Kap Arkona – Kartenübersicht
Kap Arkona – Leuchttürme, Slawen-Mythen & raues Windland
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Kartendaten © OpenStreetMap
Geologie und Naturkräfte: Der langsame Tod der Kreideklippen
Die geologische Zusammensetzung des Kaps Arkona unterscheidet sich gravierend von den berühmten, fast reinen Kreidefelsen im Nationalpark Jasmund. Die 43 Meter hohe Steilküste hier im Norden ist ein hochkomplexes, eiszeitliches Konglomerat aus Rügener Schreibkreide, sandigen Schichten und extrem viel Geschiebemergel (Ton- und Gesteinsmassen, die von Gletschern aus Skandinavien hierhergeschoben wurden). Diese Mischung macht die Küste auf der einen Seite farblich faszinierend – sie leuchtet nicht nur weiß, sondern in Ocker-, Braun- und Grautönen – aber auf der anderen Seite auch hochgradig instabil.
Die Dynamik der Küstenerosion: Das Kap Arkona ist ein hochaktives, abbrechendes Steilufer. Der Feind der Klippen ist dabei nicht nur die peitschende Ostseebrandung, die den Fuß des Kliffs unterspült, sondern vor allem die Witterung. Wenn in den Wintermonaten Regenwasser in die feinen Risse der Kreide und des Mergels eindringt und anschließend gefriert, dehnt sich das Eis aus und sprengt das Gestein von innen auf (Frostsprengung). Setzt dann Tauwetter ein, brechen oft tausende Tonnen Gestein, Lehm und uralte Bäume völlig unvorhersehbar in die Tiefe. Pro Jahr verliert das Kap Arkona im Durchschnitt 10 bis 20 Zentimeter seiner Landmasse an das Meer. Diese unaufhaltsame Naturgewalt ist der Grund, warum weite Teile der Abbruchkante aus Sicherheitsgründen weiträumig abgesperrt sind und strikt gemieden werden müssen.
Charenza und die Jaromarsburg: Der Fall der slawischen Götter
Die dramatischste Geschichte des Kaps spielte sich lange vor dem Bau der Leuchttürme ab. Die Landspitze war das absolute spirituelle und militärische Machtzentrum der westslawischen Ranen. Sie errichteten hier die Jaromarsburg, eine gigantische Tempelfestung, die dem vierköpfigen Hauptgott Svantevit geweiht war. Svantevit war nicht nur der Gott des Krieges, sondern auch der Ernte, weshalb ihm aus dem gesamten Ostseeraum immense Schätze als Tribut dargebracht wurden.
Die Belagerung von 1168: Der Reichtum und die strategische Lage Arkons riefen die Feinde auf den Plan. Im Jahr 1168 belagerte ein gewaltiges dänisches Heer unter der Führung von König Waldemar I. und dem strategisch brillanten Bischof Absalon von Roeskilde die Burg. Nach tagelanger, blutiger Belagerung gelang es den Dänen, das hölzerne Torhaus und die Wälle in Brand zu stecken. Die Burg fiel, das hölzerne, überlebensgroße Götzenbild des Svantevit wurde gestürzt, zerhackt und an die dänischen Soldaten als Brennholz verfüttert. Dies markierte den endgültigen, harten Bruch: Die Christianisierung Rügens begann, und die slawische Kultur verschwand zunehmend. Tragische archäologische Realität: Aufgrund der extremen Küstenerosion sind heute bereits zwei Drittel der ehemaligen Jaromarsburg in die Ostsee gestürzt. Nur noch der mächtige, halbkreisförmige Burgwall zeugt heute von dieser monumentalen Festung; der eigentliche Tempelstandort liegt längst auf dem Grund des Meeres.
Das architektonische Trio: Die Leuchttürme von Arkona
Das weithin sichtbare Markenzeichen des Kaps ist das einzigartige Trio aus drei nautischen Bauwerken, die direkt nebeneinander an der Klippenkante thronen.
Der Schinkel-Turm (1828)
Der kleinste und älteste der drei Türme ist ein architektonisches Meisterwerk der preußischen Klassik. Er wurde 1828 nach den Plänen des berühmtesten preußischen Baumeisters, Karl Friedrich Schinkel, in massiver Backsteinbauweise errichtet. Er misst knapp 19 Meter in der Höhe und ist – völlig untypisch für Leuchttürme – quadratisch gebaut. Technische Besonderheit: Der Turm besaß keine elektrische Lampe. Das Leuchtfeuer wurde durch 17 mit Rüböl betriebene Argand-Lampen und versilberte Parabolspiegel erzeugt. Die Hitze im Laternenhaus war enorm. Heute beherbergt der restaurierte Turm ein kleines Museum und eine der beliebtesten Außenstellen des Standesamtes für maritime Hochzeiten.
Der Neue Leuchtturm (1902)
Als der Schinkel-Turm für die immer dichter werdende Schifffahrt im ausgehenden 19. Jahrhundert zu schwach wurde, errichtete man 1902 direkt daneben den "Neuen Leuchtturm". Dieser klassisch runde, 35 Meter hohe Backsteinbau ruht auf einem achteckigen Granitsockel und ist bis heute das aktive Leuchtfeuer des Kaps. Seine Lichtblitze sind bis zu 22 Seemeilen (ca. 40 Kilometer) weit auf der Ostsee sichtbar. Über 164 Stufen gelangt man auf die Aussichtsplattform, die einen atemberaubenden Rundumblick über die Halbinsel Wittow, nach Hiddensee und bis zur dänischen Insel Møn bietet.
Der Peilturm (1927)
Das dritte Bauwerk im Bunde ist kein klassischer Leuchtturm, sondern der 1927 in Klinkerbauweise errichtete Marine-Peilturm. Er diente als hochmoderne funktechnische Navigationshilfe. Schiffe konnten die speziellen Funkwellen des Turms anpeilen und so ihre exakte Position auf der gefährlichen Ostsee bestimmen (Funkfeuer). Heute wird der Peilturm, der durch seine große, verglaste Kuppel besticht, als Ausstellungsraum für maritime Kunstwerke und Bernsteinschmuck genutzt.
Die Geheimen Bunkeranlagen
Unter der idyllischen Wiese des Kaps verbirgt sich eine düstere, militärische Unterwelt. Das Areal beherbergt gleich zwei große, tief in die Kreide getriebene Bunkerkomplexe. Der ältere Arkona-Bunker stammt aus den Zeiten der Wehrmacht. Der weitaus größere und historisch brisantere NVA-Bunker (Marineführungsbunker) wurde zwischen 1979 und 1986 unter strengster Geheimhaltung von der DDR-Volksmarine erbaut. Dieser gigantische, atombombensichere Komplex sollte im Falle eines Dritten Weltkriegs die Befehlsgewalt über die gesamte Flotte der Vereinigten Ostseestreitkräfte sicherstellen. Heute können beide Anlagen im Rahmen beklemmender, aber hochspannender Führungen besichtigt werden.
Verkehrslogistik: Autofreie Zone und Anreise über Putgarten
Um die sensible Natur und die historischen Denkmäler zu schützen, ist das gesamte Kap Arkona eine strikt autofreie Zone. Urlauber können nicht direkt bis an die Leuchttürme fahren. Die verkehrstechnische und logistische Drehscheibe für den Besuch ist die südlich gelegene Gemeinde Putgarten.
Wer mit dem eigenen Pkw anreist, muss diesen auf dem riesigen, gebührenpflichtigen Großparkplatz am Ortseingang von Putgarten abstellen. Von dort aus führen mehrere Wege zum Kap. Sportliche Besucher legen die knapp zwei Kilometer durch das landwirtschaftlich geprägte Umland zum Wandern zurück oder nutzen Leihräder für eine schnelle Tour zum Radfahren. Die beliebteste und bequemste Option ist jedoch die historische "Kap-Arkona-Bahn". Diese benzinbetriebene, auf Gummirädern fahrende Kleinbahn pendelt in regelmäßigem Takt vom Großparkplatz in Putgarten direkt zu den Leuchttürmen und weiter in das benachbarte Fischerdorf Vitt.
Das UNESCO-geschützte Fischerdorf Vitt
Ein Besuch des Kaps ist unvollständig ohne einen Abstecher in das winzige, romantische Fischerdorf Vitt, das in einer engen, von Schilf und Steilküste umgebenen Schlucht (einer Liete) direkt am Ufer liegt. Vitt gilt aufgrund seiner extrem gut erhaltenen, geduckten Reetdachhäuser als das vielleicht ursprünglichste Fischerdorf an der gesamten Ostseeküste und steht als Ensemble unter dem Schutz der UNESCO. Das Dorf war in der Vergangenheit eng mit dem Heringsfang verbunden. Über dem Dorf, sicher auf dem Kliff, thront die achteckige Uferkapelle. Sie wurde 1806 auf Initiative des berühmten Altenkirchener Pfarrers und Dichters Gotthard Ludwig Kosegarten (siehe auch Altenkirchen) erbaut, damit die örtlichen Fischer während der lukrativen, aber harten Heringssaison auch bei schlechtem Wetter dem Gottesdienst beiwohnen konnten, ohne ihre Boote unbewacht lassen zu müssen.









Häufige Fragen zum Kap Arkona (FAQ)
Wo genau liegt das Kap Arkona?
Das Kap Arkona befindet sich auf der Halbinsel Wittow, ganz im Norden der Insel Rügen. Es markiert (zusammen mit dem nahen Gellort) die nördlichste Spitze der Insel. Die nächstgelegenen größeren Gemeinden auf dem Weg dorthin sind Wiek, Dranske und Juliusruh.
Kann man mit dem Auto direkt bis zu den Leuchttürmen fahren?
Nein, das gesamte Gebiet rund um das Flächendenkmal ist eine strikte, streng kontrollierte Fußgänger- und Fahrradzone. Private Pkw müssen zwingend auf dem offiziellen Großparkplatz in der vorgeschalteten Gemeinde Putgarten (ca. 2 km entfernt) abgestellt werden.
Darf man am Ufer des Kap Arkona spazieren gehen?
Das Betreten des steinigen Strandes direkt unterhalb der Steilküste ist aus Lebensgefahr fast überall strengstens verboten und teilweise physisch abgesperrt. Das Kliff bricht regelmäßig und völlig unvorhersehbar ab. Spaziergänge sollten ausschließlich auf den sicheren, zurückgesetzten Hochuferwegen oberhalb der Kante stattfinden.
Welche der drei Türme kann man besichtigen?
Grundsätzlich sind in der Hauptsaison alle drei Türme (Schinkel-Turm, Neuer Leuchtturm und der Peilturm) für Besucher gegen ein Eintrittsgeld geöffnet. Die beste und höchste Aussichtsplattform bietet der aktive "Neue Leuchtturm" über seine 164 Stufen.
Was genau ist die Jaromarsburg?
Die Jaromarsburg war eine massive, slawische Tempelfestung der Ranen, die dem Gott Svantevit geweiht war. Sie wurde 1168 von den Dänen erobert und zerstört. Heute sieht man auf dem Kap Arkona nur noch die Reste des monumentalen Erdwalls; der Großteil der historischen Burg ist durch die Küstenerosion bereits in die Ostsee gestürzt.
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