Landschaft & Natur auf Bornholm – Granitklippen, Spaltentäler und die geologische Grenze Europas
Die dänische Insel Bornholm markiert nicht nur einen isolierten geografischen Außenposten in der Ostsee, sondern ist vor allem ein geologisches und ökologisches Phänomen von europäischem Rang. Wer sich intensiv mit der Natur Bornholms auseinandersetzt, betritt im wahrsten Sinne des Wortes eine Bruchstelle der Erdgeschichte. Die Insel liegt exakt auf der sogenannten Sorgenfrei-Tornquist-Zone, einer massiven tektonischen Verwerfungslinie, die den extrem harten, Milliarden Jahre alten präkambrischen Baltischen Schild (Skandinavien) vom weicheren, jüngeren Sedimentgestein des restlichen Mitteleuropas trennt. Diese tektonische Nahtstelle verleiht Bornholm eine extreme topografische Zweiteilung auf engstem Raum: Während der Norden der Insel von schroffen, dramatisch abfallenden Granitklippen, tiefen Spaltentälern und dunklen Steinbrüchen dominiert wird, flacht die Landschaft nach Süden hin ab und wandelt sich in eine sanfte, fast mediterran anmutende Zone mit weitläufigen Dünenlandschaften und schneeweißem Quarzsand. Zwischen diesen beiden Extremen erstreckt sich mit dem Almindingen eines der größten und faszinierendsten Waldgebiete Dänemarks, das nicht nur historische Moore und eiszeitliche Seen beheimatet, sondern auch ein erfolgreiches Auswilderungsprojekt für europäische Wisente. Das besondere, milde Mikroklima der Insel – das durch die wärmespeichernde Wirkung des umgebenden Meeres und die vielen Sonnenstunden entsteht – ermöglicht zudem eine Flora, die Feigen, Maulbeeren und Edelkastanien in freier Natur gedeihen lässt. Für Geologen, Wanderer, Ornithologen und Naturliebhaber bietet Bornholm eine unvergleichliche Dichte an unberührten Biotopen und rauen Landschaftsformen, die sich gravierend von den klassischen Sand- und Kalkinseln der südlichen Ostseeküste abheben.
⭐ Der tiefgreifende Natur-Ratgeber für Bornholm
Geologische Analysen, Biotope und landschaftliche Höhepunkte der Sonneninsel:
➔ ZU DEN HÖHEPUNKTEN BORNHOLMSDie geologischen Zonen: Von massiven Klippen zum feinen Quarzsand
Die Natur Bornholms lässt sich grob in drei hochgradig unterschiedliche landschaftliche Zonen einteilen. Jede dieser Zonen besitzt ihre eigene erdgeschichtliche Vergangenheit und bietet völlig unterschiedliche Lebensräume für Flora und Fauna.
Der Granit-Norden: Nordbornholm & Hammeren
Das nördliche Drittel Bornholms, insbesondere rund um Sandvig und das Granitmassiv Hammeren, ist das sichtbare Fundament Skandinaviens. Die Küste bricht hier oft senkrecht zwanzig bis dreißig Meter tief in die Ostsee ab. Das Gestein besteht aus Hammergranit und Vanggranit, das vor über 1,4 Milliarden Jahren tief im Erdinneren entstand. Die Spuren der letzten Eiszeiten sind hier omnipräsent: Riesige Gletscher haben tiefe Schrammen (Gletscherschliffe) im harten Gestein hinterlassen und gewaltige Felsblöcke, sogenannte Findlinge, über die Landschaft verteilt. Diese raue, baumlose Felslandschaft erinnert stark an die schwedischen Schären.
Die Mitte: Spaltentäler & Das Ekkodalen
Die Mitte der Insel ist durchzogen von sogenannten Spaltentälern (Sprækkedale). Diese entstanden durch massive tektonische Spannungen, die das Grundgebirge regelrecht aufreißen ließen. Die Gletscher der Eiszeit spülten diese Spalten später mit Schmelzwasser aus. Das größte und beeindruckendste dieser Täler ist das Ekkodalen (Echotal) nahe Aakirkeby. Es erstreckt sich über zwölf Kilometer und wird von bis zu zwanzig Meter hohen, senkrechten Felswänden flankiert. In diesen geschützten, feuchtkühlen Tälern hat sich eine einzigartige Farn- und Moosflora entwickelt, die in Dänemark ansonsten nicht existiert.
Der Sand-Süden: Dueodde & Balka
Verlässt man die geologische Verwerfungszone in Richtung Süden, weicht der harte Granit völlig. Die Küsten bei Balka und Dueodde bestehen aus mächtigen Ablagerungen von Sandstein und Schiefer. Der absolute landschaftliche Kontrast zum Norden ist der Strand von Dueodde: Hier hat die Natur eine gigantische Dünenlandschaft erschaffen, deren Quarzsand so extrem fein geschliffen ist, dass er einst europaweit für die Herstellung von Sanduhren exportiert wurde. Die Strände fallen hier hunderte Meter flach in die Ostsee ab, was ein vollkommen anderes, sanftes Küstenökosystem schafft.
Der Almindingen: Dänemarks fünftgrößter Wald
Mitten im Herzen Bornholms liegt der Almindingen. Interessanterweise ist dies kein natürlicher Urwald, sondern ein historisches Meisterwerk der Forstwirtschaft. Anfang des 19. Jahrhunderts war Bornholm durch Holzeinschlag und weidendes Vieh fast völlig kahl gefressen. Der Forstmeister Hans Rømer ließ das Areal ab 1800 mit Steinwällen einfrieden und forstete es massiv auf. Heute ist der Almindingen ein riesiges, zusammenhängendes Waldgebiet mit dunklen Nadelhölzern, Eichen, Mooren und dem Rytterknægten, der mit 162 Metern die höchste natürliche Erhebung der Insel markiert.
Naturwunder im Detail: Seen, Klippen und Wackelsteine
Die Natur hat auf Bornholm Sehenswürdigkeiten erschaffen, die sowohl durch ihre pure visuelle Kraft als auch durch ihre ökologische Bedeutung faszinieren. Diese spezifischen Orte sind die Pilgerstätten für jeden Naturreisenden.
Der Opalsøen (Opalsee)
Im äußersten Nordwesten der Insel offenbart sich ein atemberaubendes Zusammenspiel von industrieller Vergangenheit und Naturrückeroberung. Der Opalsøen ist kein natürlicher See, sondern ein gefluteter Granitsteinbruch. Bis in die 1970er Jahre wurde hier der harte Bornholmer Granit gebrochen und exportiert. Nach der Stilllegung füllte sich das riesige, tiefe Loch mit Grund- und Regenwasser. Die im Gestein gelösten Mineralien verleihen dem See heute seine tiefgrüne, opalartige Farbe. Eingekesselt von steilen, kahlen Granitwänden, wirkt der See wie ein rauer Bergsee aus Skandinavien und ist ein beliebter, wenngleich eiskalter Badeort für mutige Klippenspringer.
Die Helligdomsklipperne
Nahe dem malerischen Fischerort Gudhjem erheben sich die Helligdomsklipperne (Heiligtumsklippen) bis zu 22 Meter steil aus der Ostsee. Diese schroffen Felsformationen erhielten ihren Namen im Mittelalter, als einer Quelle am Fuß der Klippen heilende Kräfte zugeschrieben wurden. Die Ostseebrandung hat hier tiefe Höhlen (sogenannte „Ovne“, also Öfen) in den Fels gewaschen. Die tiefste dieser Höhlen ist die „Sorte Gryde“ (Schwarzer Topf), die über 60 Meter in den Fels reicht und nur mit einer Taschenlampe erkundet werden kann. Sie beheimatet zudem eine extrem seltene Population der Bornholmer Höhlenspinne.
Europäische Wisente im Wald
Ein herausragendes ökologisches Projekt der Insel ist die Auswilderung der europäischen Wisente (Bison bonasus). Im Jahr 2012 wurde eine kleine Herde dieser massiven Tiere aus einem polnischen Nationalpark in ein weitläufiges, über 200 Hektar großes Gehege im Almindingen-Wald umgesiedelt. Das Ziel des Naturstyrelsen (der dänischen Naturschutzbehörde) war es, die natürliche Waldstruktur durch das Fress- und Schälverhalten der Wisente positiv zu verändern und neue Lebensräume für seltene Insekten zu schaffen. Besucher können das frei zugängliche Gehege zu Fuß betreten, müssen jedoch strikten Abstand zu den bis zu 900 Kilogramm schweren Wildrindern halten.
Die Rokkestenen (Wackelsteine)
Ein faszinierendes Relikt der letzten Eiszeit sind die sogenannten Wackelsteine, von denen der größte in den Paradisbakkerne (Paradieshügeln) nahe Nexø liegt. Dieser gewaltige Granitblock wiegt schätzungsweise 35 Tonnen und wurde von den abtauenden Gletschern vor rund 10.000 Jahren exakt so auf einem anderen Felsen abgesetzt, dass er im Gleichgewicht liegt. Mit dem richtigen Druck an der richtigen Stelle lässt sich dieser Koloss von einer einzigen Person spürbar ins Wanken bringen. Die Paradisbakkerne selbst sind ein raues, extrem hügeliges Heide- und Waldgebiet, das Wanderern höchste Trittsicherheit abverlangt.
Für wen ist die Natur Bornholms genau richtig?
Die landschaftliche Vielfalt erfordert unterschiedliche Herangehensweisen. Die Natur der Insel ist die absolute erste Wahl für:
🥾 Ambitionierte Wanderer
Der durchgängige, über 120 Kilometer lange Küstenpfad (Kyststi) umrundet die gesamte Insel und führt direkt über die extrem anspruchsvollen, rutschigen Granitklippen des Nordens.
🌍 Geologen & Steinsammler
Mit der direkten Sichtbarkeit der tektonischen Nahtstelle, dem Granitabbau und den Fossilien in den südlichen Schieferbrüchen ist die Insel ein geologisches Freilichtlabor (optimal dokumentiert im Zentrum NaturBornholm in Aakirkeby).
🚲 Tourenradler & Naturfreunde
Ein über 230 Kilometer langes Netz aus Radwegen (Cykelveje), die oft auf stillgelegten, historischen Eisenbahntrassen durch die tiefen Spaltentäler führen, bietet autofreie Naturerlebnisse.
📸 Naturfotografen & Biologen
Das faszinierende Licht, die extremen Wetterumbrüche über der freien Ostsee, die Wisente und die dichten Nebel in den Spaltentälern bieten dramatische, unvergleichliche Bildmotive.
Logistik, Naturschutz und der rücksichtsvolle Umgang mit der Landschaft
Bornholm legt größten Wert auf den Erhalt seiner Natur. Wer die rauen Klippen oder die dichten Wälder erkundet, muss sich an logistische und ökologische Spielregeln halten, um die empfindlichen Biotope zu schützen.
Verhalten im Wisent-Gehege
Das Betreten des Wisent-Geheges im Almindingen ist ausdrücklich auf eigene Gefahr erlaubt. Die Wege sind durch Kuhroste gesichert. Es gilt jedoch absolute Leinenpflicht für Hunde, und ein Sicherheitsabstand von mindestens 50 Metern zu den Herden muss zwingend eingehalten werden. Die Tiere sind wilde Pflanzenfresser und können, besonders wenn Kühe ihre Kälber verteidigen, unberechenbar und aggressiv reagieren. Das Verlassen der markierten Hauptwege im Gehege ist untersagt.
Sicherheit an den Steilküsten
Die Klippen an der Nordküste und die tiefen Höhlen an den Helligdomsklipperne bergen erhebliche natürliche Risiken. Das Granitgestein wird bei feuchtem Wetter oder Seenebel extrem rutschig. Festes, knöchelhohes Schuhwerk mit gutem Profil ist für Wanderungen abseits der befestigten Promenaden absolut unerlässlich. Zudem besteht an den steilen Wänden immer die Gefahr von plötzlichen Steinschlägen. Die Mitnahme von kleinen Kindern an die direkte Abbruchkante erfordert höchste Aufmerksamkeit.
Das Jedermannsrecht (Allemannsretten)
Anders als in den skandinavischen Ländern Schweden oder Norwegen gilt in Dänemark (und somit auch auf Bornholm) das „Jedermannsrecht“ nur in stark eingeschränkter Form. Freies, wildes Campen im Wald, auf den Dünen oder an den Stränden ist rigoros verboten und wird mit empfindlichen Geldstrafen geahndet. Die dänische Naturschutzbehörde hat jedoch im Almindingen und anderen Forsten spezielle, extrem spartanische Naturlagerplätze ausgewiesen, an denen das Schlafen im Schlafsack oder in speziellen Schutzhütten (Shelters) für maximal eine Nacht toleriert wird.
Schutz der Flora: Maulbeeren & Orchideen
Aufgrund des milden Seeklimas wachsen auf der Insel Pflanzen, die im restlichen Skandinavien keine Überlebenschance hätten. In den Vorgärten und verwilderten Ecken von Sandkås oder Gudhjem reifen echte Feigen und Maulbeeren. In den geschützten, feuchten Mooren und Spaltentälern blühen zudem zahlreiche wilde, extrem seltene Orchideenarten. Es gilt der eiserne Grundsatz: Jegliches Pflücken, Ausgraben oder Beschädigen dieser geschützten Pflanzen ist ein massiver Eingriff in das Insel-Ökosystem und streng verboten.
Häufige Fragen zur Natur & Landschaft Bornholms (FAQ)
Was genau ist das Ekkodalen und warum heißt es so?
Das Ekkodalen (Echotal) ist das längste Spaltental Bornholms. Es entstand durch tektonische Risse im Granit, die in der Eiszeit ausgespült wurden. Es verdankt seinen Namen der enormen Akustik, die entsteht, wenn Schallwellen von der steil aufragenden, glatten Felswand auf der einen Talseite zurückgeworfen werden. Die besten Echos erzielt man direkt an der Quelle „Hans Christian Ørsted Kilde“.
Gibt es auf Bornholm gefährliche Wildtiere?
Von den ausgewilderten Wisenten abgesehen, gibt es auf Bornholm keine großen, für den Menschen potenziell gefährlichen Raubtiere wie Wölfe oder Bären. Das größte frei lebende Raubtier ist der Fuchs. In den Feuchtgebieten und Heidelandschaften kommt jedoch die Kreuzotter vor, die einzige giftige Schlangenart Dänemarks. Ein Biss ist schmerzhaft und erfordert ärztliche Behandlung, ist für gesunde Erwachsene aber in der Regel nicht lebensbedrohlich.
Darf man den Sand vom Strand in Dueodde als Souvenir mitnehmen?
Das Sammeln einer kleinen Handvoll Quarzsand in einem Souvenirglas wird von den Behörden an den Stränden von Dueodde toleriert. Es ist jedoch strengstens verboten, größere Mengen abzutransportieren, da der Sand ein essentieller Bestandteil des sensiblen Küstenschutzes ist. Zudem steht die gesamte Dünenlandschaft unter strengem Naturschutz.
Wie tief ist der Opalsøen und darf man dort baden?
Der Opalsøen ist an seiner tiefsten Stelle durch den einstigen Granitabbau erstaunliche 43 Meter tief. Das Baden ist dort auf eigene Gefahr gestattet, jedoch solltest du wissen, dass sich der tiefe See, der zudem oft im Schatten der steilen Granitwände liegt, im Sommer nur sehr mäßig erwärmt. Das Wasser ist stets spürbar kälter als das flache Uferwasser der südlichen Ostseestrände.
Warum gibt es auf Bornholm so wenige Rehe, aber so viele Rehe auf dem Festland?
Bornholm ist eine isolierte Insel, auf der historisch vor allem das europäische Reh (Capreolus capreolus) heimisch ist. Im Gegensatz zum dänischen Festland fehlen hier jedoch völlig andere Hirscharten wie der Rothirsch oder der Damhirsch. Dies liegt schlicht daran, dass die breite Wasserbarriere der Ostsee eine natürliche Einwanderung dieser Arten nach der Eiszeit verhinderte.
Was verbirgt sich im NaturBornholm Erlebniszentrum?
Das Zentrum „NaturBornholm“ in Aakirkeby ist das wissenschaftliche und museumspädagogische Herz der Insel. Das architektonisch hochmoderne Gebäude liegt exakt auf der geologischen Grenze zwischen Granit und Sandstein. Hier wird die Erdgeschichte Bornholms tiefgründig und interaktiv erklärt – von echten, auf der Insel gefundenen Dinosaurierspuren bis hin zu Modellen der eiszeitlichen Verwerfungen. Ein Pflichtbesuch für jeden, der die Natur der Insel verstehen will.
Wo finde ich die Jons Kapel?
Jons Kapel (Jons Kapelle) ist eine dramatische, frei stehende Granitklippe an der Westküste in der Nähe von Hasle. Einer alten Legende nach lebte hier der irische Mönch Jon, der die Inselbewohner vom christlichen Glauben überzeugte. Eine extrem steile Holztreppe mit über 170 Stufen führt an der fast senkrechten Felswand hinab zum Ufer. Der Ab- und Aufstieg erfordert gute körperliche Kondition.
Gibt es Polarlichter über Bornholm zu sehen?
Bornholm liegt geografisch weit im Süden Skandinaviens, weshalb Polarlichter (Aurora Borealis) sehr selten sind. Bei extrem starker Sonnenaktivität und einem klaren, kalten Winternacht-Himmel im Winter oder frühen Frühjahr besteht jedoch in den absolut lichtarmen Regionen der Insel (wie auf dem Hammerknuden im äußersten Norden) eine geringe, aber reale Chance, das farbige Leuchten am Horizont zu fotografieren.






